Schon beim Aufwärmen war es offensichtlich: 1. Branch Warren war zu allem bereit, seinen Titel trotz seiner schweren Verletzung zu verteidigen. 2. Dennis Wolf war total auf Sieg programmiert und wollte diesen Titel unbedingt. 3. Evan Centopani sah mächtig aus und agierte, vor Selbstvertrauen strotzend, lässig und cool. Sollte er der „lachende Dritte“ werden? Dass er die Voraussetzungen dazu mitbringt, hat er mit seinem 4. Platz 2011 bereits bewiesen. Es knisterte im großen Aufwärmraum des Veteran’s Memorial Auditoriums, dem „BB-Mekka“. Hier haben sich alle Großen der letzten 35 Jahre schon aufgewärmt. In all den Jahren hatte nun 2012 mit Dennis Wolf erstmals ein Deutscher die realistische Chance, diesen prestigeträchtigen Titel zu gewinnen. Es waren ganz besondere Momente und der Schriftzug auf der Rückseite von Dennis’ T-Shirt wirkte wie ein Orakel: „Finish First“. Der Papierform nach lief alles auf ein Duell Branch vs. Dennis hinaus. Es gab allerdings viele Unwägbarkeiten und auch einige Gerüchte – zum Beispiel das über die sensationelle Verbesserung von Ben Pakulski seit der FLEX PRO zwei Wochen vorher in Kalifornien. Es war bei ihm von knapp 120 kg bei extremer Härte die Rede. Also ungefähr das zu erwartende Gewicht von Dennis Wolf, doch Ben ist etwa 4 cm kleiner! Und was konnte man von Dexter Jackson nach seinem sensationellen Auftritt bei der Master Pro World im Dezember erwarten? Die Spannung war riesig, als dann die 14 vom Veranstalter-Duo Arnold Schwarzenegger und Jim Lorimer eingeladenen Profis die Bühne betraten. Als einer er Ersten kam mit Startnummer 3 Debütant Matthias Botthof. Alleine hier mit den Besten zu stehen, war eine ganz besondere Auszeichnung. Schon beim ersten schnellen Vergleich bestätigten sich Prognosen und Gerüchte gleichermaßen. „I’ll be back“ war die Körpersprache von Branch Warren mit sichtbarer Narbe am rechten Knie. Der Sieg ging nur über den Titelverteidiger. Im ersten schnellen Vergleich blieb mein Blick immer wieder bei der Nr. 1 ganz links hängen: Ben Pakulski. Extrem massig und definiert, welch eine Form! Je länger meine Blicke fast schon wie beim Tennis von links nach rechts und wieder zurück wanderten, umso klarer wurde, dass Pakulski hier in Sachen „Shape“ das Maß der Dinge ist. Breit und auf gewaltigen Beinen war der Kanadier „big like a house“. In der Form seines Lebens war ganz offensichtlich auch Evan Centopani, der direkt neben Pakulski stand. Ganz rechts außen wirkte Dennis Wolf wie ein mächtiger Krieger, der gleich in die Schlacht zieht. Dennis war „ready for action“. Und Branch Warren? Der stand in der Mitte, flexte immer wieder seine berühmten Beine und konnte es offensichtlich kaum abwarten, bis es endlich losging. Direkt neben Centopani hatte es Matthias Botthof sehr schwer zu bestehen. Die Probleme in der Vorbereitung schienen doch größer gewesen zu sein, denn Matthias kann viel, viel besser sein. Dass er dennoch den gesamten
222 FLEX
Dennis ließ sich von Evan Centopanis Spruch nicht irritieren
Mach Dich Fotograf Matthias Busse heiterte Dennis nochmals auf
nicht größer als Du bist...
Evans humorvoll gesprochene Worte zu Dennis in diesem Moment während des Aufwärmens:
„Don’t make yourself bigger than you are!“
Wettkampf mit großem Engagement bestritt, spricht für seine vorbildliche sportliche Einstellung. Schon im Line-up wurde klar, dass Dexter Jackson trotz Mr. Olympia und Arnold Classic Siegerbonus hier definitiv keine Chance haben wird. Brandon Curry hätte hier in seiner Olympia-Form sicher das Finale erreicht. Leider war er deutlich schwächer. Auch der hoch eingeschätzte Brasilianer Edoardo Correa erfüllte die Erwartungen nicht und hatte keine Finalchance. Michael Kefalianos hatte seit Monaten mit Verletzungen zu kämpfen und war froh, hier überhaupt auf der Bühne zu stehen. Dafür schlug er sich prächtig. Gustavo Badell versuchte ein Comeback und hätte lieber Zuhause bleiben sollen. Frankreichs neue Hoffnung Lionel Beyeke glänzte vor allem mit seiner schönen Muskellinie, doch in punkto Definition lag er weit hinter den Besten. Dass er das Finale noch schaffte, lag weniger an seiner Stärke, als vielmehr an der Schwäche seiner unmittelbaren Konkurrenten um den letzten Finalplatz. Bestimmt wurde der Wettkampf einmal mehr von Branch Warren, der zu jeder Sekunde und in jeder Pose soviel Kraft und Energie einsetzte, als ginge es um sein Leben. Wie ein Bullterrier biss er sich in diesen Wettkampf hinein und ließ einfach nicht mehr los. Seine 112 kg auf 170 cm bei
Dennis in Gedanken versunken kurz vorm Prejuding
außergewöhnlicher Definition vermitteln Power pur und begeistern auch die, die nicht unbedingt zu seinen Fans zählen. Strukturelle Schwächen eliminiert Branch gleichsam durch seine Energie. Auf den Punkt gebracht: Ein höchst unangenehmer Gegner! In