Wenn Kai Greene verkündet, kein anderer wäre zu seinen Workouts in der Lage, klingt das vielleicht
angeberisch. Arrogant sogar. Aber wer genau zuhört, was er sagt, erkennt, dass seine Einschätzung absolut korrekt sein könnte. „Mein Erfolg im Studio ist das Resultat
all des Wissens, das ich in meinen 20 Jahren als Bodybuilder gesammelt habe“, erklärt der 36-jährige zweifache Sieger der Arnold Classic. „Jedes Workout ist nicht einfach ein Haufen Übungen, in einer bestimmten Reihenfolge ausgeführt, sondern die Summe von allem, was ich in der Vergan- genheit gemacht habe, aller Fehler, die ich begangen und Erkenntnisse, die ich aus ihnen gewonnen habe, jeder neuen Beobachtung, wie mein Körper funktioniert und auf den Trainingsstimulus reagiert.“ Mit anderen Worten: Eine Wh ist nicht
einfach eine Wh, sondern hängt davon ab, wer sie ausführt. „Ich weiß, früher war ich selber so“, gesteht er. „Wenn ich mir die Workouts von Leuten wie Mike Ashley oder Lee Haney in den Magazinen ansah, ihre Sätze und Wh, fragte ich mich, wie der Kerl auf dem Foto, der so viel konditioni- erte Muskelmasse hat, mit diesem kurzen Programm zu diesem Aussehen kommen konnte.“ Wie Millionen andere aufstrebende
Bodybuilder befolgte Greene in seinen Teenagerjahren pflichtgemäß diese Programme, merkte dann aber, je mehr er seinen Körper aufbaute, dass trotzdem etwas fehlte. „Champion zu werden, der Beste, der
man nur sein kann, das lässt sich nicht auf eine Abfolge von Sätzen und Wh reduzieren“, weiß er inzwischen. „Es geht um die Anhäufung von all dem Wissen und Training, das die Person über die Jahre zusammengetragen hat. Du kannst nicht einfach in ein Studio gehen und das
KAIS BRUST-ARSENAL KABELZIEHEN ÜBERKREUZ
DIESE ÜBUNGEN WÄHLT GREENE FÜR EIN TYPISCHES BRUSTWORKOUT AUS. GENERELL STARTET ER MIT SCHRÄGBANK- UND FLACHBANK-LANGHANTELDRÜCKEN, ARBEITET DIE ÜBRIGEN ÜBUNGEN ALS SUPERSÄTZE ODER REGULÄRE SÄTZE EIN.
Die an den oberen Kabelzügen befestigten Steigbügelgriffe fassend, tritt Greene in die Mitte zwischen zwei Kabeltürme, setzt seinen rechten Fuß nach vorn und lehnt sich leicht in den Widerstand hinein. Im gesamten Bereich seiner mittleren Brust zeichnen sich dicke Muskelstränge ab, wenn er die Griffe jetzt bei leicht gebeugten Ellbogen in einem Bogen nach unten zieht. Seine Hände bewegen sich schnell zueinander, stoppen aber -
106 FLEX
nach 20 Jahren Trainingserfahrung wie auf Autopilot – etwa 30 cm vor seinem unteren Bauch, um eine Kollision zu vermeiden, bevor sie ihre Richtung ändern und in die Startposi- tion zurückkehren. FLACHBANKDRÜCKEN
Mit dem Rücken auf einer Flachbank liegend, die Knie gebeugt und die Füße in den ersten paar Sätzen auf der Bank aufgestellt, fasst Greene die Langhantel mit einem daumenlosen Griff – eine riskante Variante, die er seit
Jahren verwendet, weil er glaubt, sie erlaube ihm eine stärkere Brustkon- traktion – und hebt sie aus dem Ständer. Das Gewicht sinkt leicht in seine mittlere Brust ein – erst dann stoppt er die Bewegung und drückt es explosiv nach oben. Jede Wh ist durch die Mission konstanter Bewegung gekennzeichnet, ein aggressiver Angriff auf die Brustmus- keln, der im Verlauf des temporeichen und dabei ausgedehnten Workouts nichts an Intensität verliert.
DIP
Greene bringt sich zwischen zwei Dipstangen in Position. Seine Arme sind gestreckt, bevor er sie an den Ellbogen in eine lange, tiefe Dehnung am unteren Ende beugt. Dort blähen sich seine Trizeps auf, die Brust explodiert, sein 125 kg schwerer Körper kommt wieder in die Startposition nach oben. Bei jeder Wh sieht man, wie er seinen Torso nach vorn neigt, was seine Brustmuskeln stärker betont und die Trizeps weniger stark