FLEX: Du hast es also geschafft. Ist es schon bis ganz zu dir durchgedrungen? PHIL HEATH: Ganz ehrlich, nein. Ich meine, wir sitzen hier in Indien. Ich bin seit einer Woche Mr. Olympia und habe gerade die Sheru Classic [24./25. September in Mumbai, Indien] gegen praktisch dasselbe Line-up von letzter Woche gewonnen, aber ich hatte bisher nicht die Gelegenheit, das alles wirklich zu verinnerlichen. Ich bin mir sicher, bald dringt es bis ganz zu mir durch, aber im Moment kann ich es noch nicht völlig glauben.
Gehen wir kurz zum Olympia-Wochenende zurück. Im zweiten Jahr hintereinander erleben wir eine Szene wie aus dem Kino: du und Jay Cutler, dein bester Freund und Mentor, in einem weiteren
Schüler-gegen-Lehrer-Showdown. Wie seid ihr beide mit der Situation umgegangen? Jay hat mich das ganze Wochenende über gecoacht, besonders nach dem Freitag. Da hatte er sich wohl mental mehr oder weniger von seinem Sieg verabschiedet und fing an, mir Ratschläge zu geben, wie ich mit dem umgehen sollte, was da auf mich zukam, indem er Sätze zu mir sagte wie: „Bist du bereit? Du wirst der Champion sein! Wie fühlt sich das an?“ Solche Sachen. Ein Teil von mir dachte, dass ich das alles schon mal gehört hatte und kein zweites Mal enttäuscht werden wollte.
Als nur noch ihr beide für den Sieg in Frage kamt, wurdet ihr noch mal in die Mitte der Bühne geholt. Man konnte sehen,
dass ihr euch leise unterhalten habt. Worum ging es? Als die Ansage mit dem Ergebnis in der Luft hing, sagte er immer wieder: „Warte es ab... warte es ab. Es kommt ... es kommt“. Und dann machte es Bumm: Phil Heath. Mr. Olympia. Es war cool, wie er mich sogar durch diesen Prozess gecoacht hat, denn man weiß ja nicht, wie man reagiert. Es war fantastisch, ihn an meiner Seite zu haben – wahrscheinlich der beste Moment meines Lebens, meine Hei- rat ausgenommen. Wie oft hat man in so einer monumentalen Situa- tion schon seinen besten Freund, der gleichzeitig ein Rivale ist, neben sich? Ich habe zu ihm gesagt: „Danke. Du bist wie ein großer Bruder für mich. Ich liebe dich.“ Solches Zeug. Darauf er: „Oh Mann eh, fang bloß nicht auf der Bühne zu flennen an, noch ist es nicht mal soweit!“
Eure Schüler-Lehrer- bzw. Bruderbeziehung hat viel
Aufmerksamkeit erregt. Wobei konnte Jay dir am meisten helfen? Indem er von allen am besten den Druck versteht und die hohen Erwartungen, die sich an einen Champion und Botschafter des Sports knüpfen. Ob du Amateur oder Profi bist – du versuchst grundsätzlich, jemanden zu finden, der die Erfahrung bereits hinter sich hat. Ich meine, ich hatte nicht mal eine Ahnung, wie viel man für ein Gastposing verlangt, geschweige denn wie man trainiert, wenn man unterwegs ist, Zeit für die Familie findet, Beziehungen handhabt – diese Dinge. Niemand in diesem Sport beherrscht all das so gut wie er. Er ist mein Rollenvorbild – das ist der Ausdruck, den ich benutze. Er führt durch sein Beispiel, seine Handlungen – nicht nur mit Worten -, und das hat mir enorm geholfen. Er musste sich nicht so verkaufen, er tat es einfach. Und diese Einstellung hat er mir eingeimpft, nach dem Motto: „Hey, du bist hier. Du musst jetzt nichts mehr sagen. Geh einfach raus und tu es.“
Glaubst du, dass die Leute eure Beziehung voll verstehen? Nein. Ich bekomme ständig Emails, in denen es heißt: „Du musst mein Mentor werden, so wie Jay dein Mentor war! Nimm mich unter deine Fittiche.“ Was diese Leute nicht verstehen, ist, dass wir zuerst Freunde waren. Ich saß nicht da, mit einem Stift und Zettel in der Hand, und fragte: „Also Jay, was findest du besser – Front- kniebeugen oder Rückenkniebeugen?“ Schließlich waren die