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MehrWERT: Georg Schramm


Der zornige Wortarbeiter Einer der größten Kabarettisten Deutschlands


prügelt nicht nur auf unser Politik- und Finanzsystem ein, er beteiligt sich an Initiativen, die versuchen, es besser zu machen. Längst hat Georg Schramm dafür gesorgt, dass sein Vermögen in einem alternativen Wirtschaftskreislauf tätig ist. TEXT: ILONA JERGER


D


ieser Mann könnte inkognito jede Fete entern, könnte in der Pressekonferenz unserer Kanzlerin in


der ersten Reihe sitzen oder in der Talkshow von Günter Jauch die Beine kreuzen. Keiner würde ihn erkennen. Rein optisch. Doch sobald er den Mund aufmachen würde, um Angela Merkel anzuraunzen und sie auf ihre Rolle in der „Berliner Puppenkiste“ zurechtzustutzen, oder Jauch („der Name ist prophetisch“) zu erläutern, warum seine Sendung als „Brackwasser der Beliebigkeit“ daher schwimmt und als „emotionale Pissrinne in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnis-Anstalten“ fungiert, wäre klar, wer da sitzt: Georg Schramm, der umwerfende Kabarettist mit einer Wortgewalt, die Tsunami-gleich über unsere Köpfe hinwegbraust. Und Feuer in unseren Hirnen anzündet. Doch würde Schramm als Schramm überhaupt so


reden? Ist Dombrowski gleich Schramm? Der Besuch in Badenweiler, seiner Wahlheimat, erzwingt eindeutige Antworten im Stile von Radio Eriwan: Im Prinzip ja. Aber Herr Schramm ist natürlich nicht


der Kriegsversehrte mit der Hand im Lederhandschuh, stets eng am Körper getragen. Herr Schramm ist ver- sehrt im Herzen, weil er verlogene Politiker, rendite- lüsterne Manager und das Gedudel im Fernsehen nicht ertragen kann. Im Prinzip nein. Denn Lothar Dombrowski mit Horn-


brille und Pomade im streng gescheitelten Haar sieht aus wie weiland Wehner oder irgendein anderes übel gelaun- tes Relikt aus den 60er Jahren. Herr Schramm hingegen blickt mit randloser Brille und dunkelblondem, zerzaus- tem Haar charmant übern Gartenzaun. Im Prinzip ja. Aber das hanseatisch-spitze S, das


Lothar Dombrowski im windschiefen, die Welt aufs Schärfste missbilligenden Mund formt, um es so- dann wie eine Fanfare heraus zu stoßen, das tut Herr Schramm so nicht. Er ist leiser, zarter, abwägender. Vor allem: freundlicher. Und doch kann man es erkennen,


das zornige Maul dieses Wortarbeiters. Auch beim Spa- ziergang durchs hüglig-weiche Markgräfler Land verzie- hen sich seine Lippen, wenn sie verachten. Auf die Frage, woher er den Mut nimmt, auf Politiker


oder Intendanten einzudreschen, wenn sie bei seinen Auftritten in der ersten Reihe sitzen, kommt spontan: „Es ist der Mut der Verzweiflung.“ Nach einer Weile ergänzt er: „Ich bin bedroht und bedrängt von dem Gefühl, dass es bergab geht. Ich habe den Eindruck, es passiert zwar viel im Kleinen, im Positiven, es gibt tüchtige regiona- le und lokale Initiativen, aber das Unheil ist schneller.“ Er spricht von Klimaflüchtlingen, Kriegen, Seuchen, Wassernot, Armut. Von apokalyptischen Reitern. Der Mut der Verzweiflung und das Drängen nach


einer gerechten Gesellschaft, „diese Haltung kommt aus meiner Herkunft. Sie kommt nicht aus einem Vorurteil gegenüber den Reichen, sondern aus meiner Erfah- rung mit ihnen“. Schramm stammt aus einem armen, sozialdemokratisch geprägten Haushalt in Bad Hom- burg, „dem Villenvorort Frankfurts mit höchster Millio- närsdichte, wo auch die Herrhausens und die Quandts residierten“.


Er leiht und schenkt, weil er das Gefühl, dass es


bergab geht, besser aushält, wenn er mitmacht


bei Initiatven, die anpacken


Längst gehört Schramm, der zunächst als Psychologe an einer Klinik gearbeitet hat und nun seit 30 Jahren auf der Bühne steht, zu den Wohlhabenden. Ungezählte Fernsehauftritte im „Scheibenwischer“ und in „Neues aus der Anstalt“ haben ihm Kultstatus und Geld ge- bracht.


Am Anfang, als das Geld kam, stocherte er, wie er sagt, „mit der Stange im Nebel“, und hat auch


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Foto: privat


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