MehrWERT: Wälder weltweit
S
and, Sand, Sand. Er rieselt, wird vom Wind herum- gewirbelt. Er brennt auf der Haut. Kilometerweit
scheint das so zu gehen. Einzelne armselige Grashalme schauen aus den Dünen heraus, und hin und wieder findet sich ein trauriges Gerippe eines Baumes, gekillt von Trockenheit. Vielleicht auch von Einsamkeit. Nein, das ist keine Schilderung aus der Sahara, son-
dern deutsche Realität vor 150 Jahren. Wanderdünen bildeten den Schlusspunkt einer jahrhundertelangen Misswirtschaft im deutschen Wald. Bei Frankfurt gab es sie genauso wie an der Ems und natürlich in der Lüne-
Während wir uns an unseren Wäldern erfreuen, sie hegen und
pflegen, nehmen wir in
Kauf, dass für unseren Hunger nach Holz weltweit die Wälder fallen
burger Heide. Der zeitgenössische Forstmeister Heinrich Burckhardt berichtete nach einer Reise durch solches Ödland, dass der Wald dort kinderlos verstorben sei. Heute ist das Naturschutzgebiet Lüneburger Heide
wieder zu 60 Prozent von Wald bedeckt. Ganz Deutsch- land hat einen Waldanteil von einem Drittel – eine echte Erfolgsgeschichte, die deutsche Förster immer wieder voller Stolz erzählen. Und nicht nur die Waldfläche hat zugenommen. Pro Minute wächst ein Holzwürfel von einem Meter Kantenlänge hinzu. Die Menge an Holz pro Einwohner ist die höchste in Europa, höher sogar als im waldreichen Skandinavien. Noch eine Zahl gefällig? 120 Millionen Kubikmeter Holz wachsen Jahr für Jahr, und nur rund die Hälfte davon wird derzeit genutzt. Letztlich scheint alles gut unter deutschen Buchen, Fichten, Eichen, Kiefern und Eschen – oder? Das schöne Bild kriegt Macken, wenn man das große Ganze betrachtet. Während wir uns an unseren Wäl- dern freuen, sie hegen und pflegen, nehmen wir in Kauf, dass weltweit für unseren Hunger nach Holz die Wälder fallen. So betrug der Einschlag in Deutschland im Jahr 2010 54 Millionen Kubikmeter, der Verbrauch dagegen 108 Millionen. Unser Bedarf ist gewaltig: Jeder Bundesbürger hat im
Jahr 2008 1,2 Kubikmeter Holz verbraucht. Der größte Posten mit 250 Kilogramm wird für Papier und Pappe gebraucht. Zweitwichtigster ist das sogenannte Nadel- schnittholz, also vor allem Fichten- und Kiefernholz, das beispielsweise für Balken und Bretter gebraucht wird. Damit haben wir im Computerzeitalter einen ähnlich hohen Holzbedarf wie unsere Urururgroßeltern. Und Experten prognostizieren eine weitere Steigerung. Dabei sind die Zeiten vorbei, als der Mensch beden- kenlos aus dem Vollen schöpfen konnte. Einst war der
Wald ist nicht gleich Wald – der Costa Ricaner denkt an Dschungel, der Deutsche an Buchen.
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Planet mit rund 6,2 Milliarden Hektar Wald bedeckt; von den borealen Nadelwäldern des Nordens bis hin zu den tropischen Regenwäldern um den Äquator. Heute sind davon nur mehr 64 Prozent vorhanden, heißt es im Waldbericht der Welternährungsorganisation (FAO). Und nur wiederum ein Drittel davon ist Urwald, weit- gehend frei in seiner Entwicklung. In Deutschland ist Urwald übrigens quasi nicht mehr vorhanden. Allenfalls soll er wieder in Nationalparks entstehen. Doch dafür ist Geduld gefragt. Bis sich ein natürliches Gleichgewicht einstellt, kann es gut und gerne tausend Jahre dauern. Wald ist eben nicht gleich Wald. Und schon bei dem
nackten Begriff zeigt sich das erste Dilemma: Wer über Wald redet, über Verluste, Zuwächse oder Natürlichkeit, muss sich der Kategorien, Definitionen und manch- mal auch Taschenspielertricks bewusst sein, mit denen in Sachen Wald hantiert wird. „Den Wald“ gibt es gar nicht. Fragt man einen Yanomami im Amazonas- becken, wird er Wald anders definieren als ein Förster aus dem Schwarzwald oder ein Buschmann aus Namibia. Das zieht sich bis in Wissenschaftlerkreise hin. „Je nach Klimazone, Artenvielfalt und Zustand der Bäume bezie- hungsweise der Waldnutzung gibt es weltweit mehr als 300 Definitionen von Wald“, sagt Martin Herold von der Universität Jena. Der Experte arbeitet an dem Pro- gramm „Globaler Schutz der Waldfläche“ mit, um eine einheitliche Sprache und damit ein einheitliches Bild über die Waldfläche zu finden. In Deutschland kann man bei der Frage „Was ist
Wald?“ selbstverständlich ein Gesetz zu Rate ziehen: Nach Paragraph 2 des Bundeswaldgesetzes ist Wald
Einst war der Planet von 6,2 Milliarden Hektar Wald bedeckt, von
den Nadelwäldern des Nordens bis zu den
Regenwäldern um den Äquator
jede mit Forstpflanzen bestockte Grundfläche. Als Wald gelten aber auch kahl geschlagene oder verlichtete Grundflächen, Waldwege, Waldblößen und Lichtungen, Waldwiesen, Wildäsungsplätze, Holzlagerplätze sowie „weitere mit dem Wald verbundene und ihm dienende Flächen“. Alles klar? Die FAO hat eine weiter reichende Definition im
Angebot: Demnach müssen in einem Wald Bäume mindestens fünf Meter hoch werden, es wird Holz pro- duziert, und Baumkronen beschirmen mindestens zehn Prozent des Bodens. Naturschützer sehen hierin den Pferdefuß: Die FAO erhebt den Welt-Wald-Zustand alle fünf Jahre. Zwischen 1995 und 2000 wurden aus 20 Prozent Boden, die beschirmt sein müssen, zehn.
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Foto: BaumInvest
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