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MehrWERT: Georg Schramm


schon mal Post- und BP-Aktien gekauft. Bis ihm klar wurde, dass er mit seinem Geld Sinn stiften möchte. Es in den Händen von Leuten wissen will, die Arbeitsplätze von Dauer schaffen und die unseren ökologischen Fuß- abdruck nicht noch vergrößern. Es begann mit der Kirchensteuer, die er nach seinem Austritt nicht ein- sparen wollte, sondern seither in gleicher Höhe an Organisationen spendet. Er wechselte zur anthroposo- phischen GLS-Bank („wissen Sie, dass GLS Gemein- schaftsbank für Leihen und Schenken heißt?“). Und seither leiht und schenkt er. Weil er das Gefühl, dass es bergab geht, besser aushält, wenn er mitmacht bei Ini- tiativen, die anpacken. Und so werkelt sein Geld mittlerweile in einem De-


meterhof der Umgebung („die machen ihr eigenes Saat- gut und haben bislang jeden Lehrling übernommen“); es werkelt in der Schorfheide, wo er im Rahmen eines Projektes mit anderen GLS-Anlegern Land einem Groß- investor vor der Nase wegkaufte, um es an Biobauern zu verpachten, die es selbst nie hätten erwerben können; es werkelt in einer kleinen Schwarzwälder Bürstenfabrik im Keller, deren Besitzer sich an ihre alten Wasserrechte erinnerten und eine verrostete Wasserturbine wieder in Betrieb nehmen wollten, doch die nötigen Investitionen in Wasserleitungen und eine Fischtreppe nicht aufbrin- gen konnten. Es werkelt bei den Stromrebellen in Schö- nau, der EWS, deren Gesellschafter er ist; er gab Geld


Georg Schramms Bühnenfigur Lothar Dombrowski


in den Freiburger Solarfonds und gehört zu den Grün- dungsinvestoren von BaumInvest. „Fragen Sie mich bitte nicht, was ein Kommanditist ist oder der Unterschied von Genussscheinen und Anteilsscheinen“, Schramm lacht sein heiseres Lachen. Auf alle Fälle bekommt er vom Demeterhof Gutscheine, mit denen er, der gerne kocht, Obst, Gemüse und Kartoffeln kauft. Die Anlage im BaumInvest-Fonds ist für seine drei


Kinder. „In Deutschland wäre so eine Anlage in Bäu- men für die Enkel, in Costa Rica ist sie für die Kinder, da wächst alles schneller.“ Schramm wollte unbedingt sehen, wie „seine“ Bäume wachsen, wollte sich ein ge- naueres Bild machen von dieser Mischung aus Entwick- lungshilfe und grüner Investition, die er „bestechend“ findet, und beschloss hinzufahren. Aber nicht alleine, er nahm seine ganze Familie mit, denn ihm war wichtig, dass seine Kinder die Bäume sehen, sie sollten ein Ver- hältnis dazu kriegen. Während wir uns über Stuttgarts OB-Wahl und die


Erfolgsgeschichte der Grünen im konservativen Länd- le amüsieren („Kretschmann, der katholische Feuer- wehrhauptmann, der liebe Gott möge ihn lange gesund halten!“), und das 8,9 Kilometer entfernte AKW Fessen- heim streifen („diese Bruchbude belebt unsere ländli- che Gegend, nach Fukushima hatten wir hier in kür- zester Zeit 12000 Leute auf der Straße!“), kommt plötz- lich: „Haben Sie das gehört?“ Schramm zeigt Richtung Wiese. „Das war das Flügelschlagen dieses Habichts.“ Wir bleiben stehen und schweigen. Der Greifvogel dreht über einer Streuobstwiese seine Kreise. Dann sagt er: „Schade, dass meine Mutter das nicht


mehr mitgekriegt hat.“ Er meint seinen Erfolg. Denn sie, „die Sozialistin im Herzen, die gerne über Politik diskutierte“, hat Dieter Hildebrandt zum Pflichttermin für die Familie gemacht. „Junge, hol die Salzstangen!“ und alle versammelten sich zum gemeinsamen Fern- sehabend. Die Mutter ist seit über 20 Jahren tot, ein einziges Mal hat sie ihn noch auf der Bühne erlebt, da war sie schon so verwirrt, dass sie ihren Sohn in den unterschiedlichen Rollen nicht erkannte. Wer bei Hildebrandt in die Lehre gegangen ist, der ist


nicht versucht, in Jauchs „Bedürfnisanstalt“ aufzutreten. Der bleibt auf Distanz, bleibt der brillante Analytiker dessen, was er in unserer Gesellschaft sieht und spürt. Der gibt der Sprache das zurück, was ihm im täglichen Politik-, Manager- und Medienbetrieb gestohlen wird: die Wahrhaftigkeit. Schade, dass dieser Mann aus der Anstalt geflohen ist. Zum Glück tourt er derzeit mit sei- nem 7. Soloprogramm „Meister Yodas Ende“. Jeder Auf- tritt ist Monate im Voraus ausverkauft. Doch auch damit will der 63-Jährige bald aufhören. Wie sollen all die Fans und unsere Demokratie das schadlos überleben?


G. Schramm zum VisionsWald (s. S. 44) www.georg-schramm.de


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Foto: Sigrid Umiger


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