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MehrWERT: Interview mit einer Ingwerknolle


„Ich bin ein Feuerdrache“ Ingwer ist bekannt als vielseitiges Gewürz und


uraltes Heilmittel. Aber er hat auch weniger offen- sichtliche Vorzüge. Interview mit einem Multitalent. GESPRÄCH: MARTIN RASPER


Hallo Ingwer, Sie sehen ja niedlich aus! Reine Marketing-Maßnahme. Die Menschen lieben das. Nur als Wur- zel mache ich ja nicht so viel her. Und außerdem geht es darum, meine wesentliche Eigenschaft herauszuarbeiten: Ich bin scharf wie Schmidts Katze. Ich bin ein Feuerdrache! Stimmt, Sie brennen ganz schön im Rachen. Woran liegt das eigentlich? Gingerol. Auch genannt 5-Hydroxy-1-(4-Hydroxy-3-Methoxyphenyl)- 3-Dekanon. Das ist der Stoff, der meinen Geschmack und meine Schärfe ausmacht. Daneben habe ich aber noch viel mehr zu bieten! Ich stecke randvoll mit feinen Wirkstoffen: Shogaole, Zingiberol, Diarylheptanoide … Alles rein natürlich, natürlich. Und sehr kompliziert, weil manche der Substanzen ihre Wirkung gegenseitig verstärken oder sich ineinander um- wandeln. Die Wissenschaftler haben zurzeit einen Heidenspaß daran, das auseinanderzuklamüsern und die genauen Wirkungsweisen darzustellen. Vor allem die der Cyclooxygenase-Hemmer. Der – wie bitte? Ich habe mehrere Inhaltsstoffe, die die Wirkung des Enzyms Cyclo-


oxygenase unterbinden. Das spielt eine Rolle bei Entzündungen und bei der Schmerzempfindung. Aspirin wirkt übrigens so ähnlich. Aber ich schmecke besser. Ist das der Grund, warum Sie als altes Heilmittel gelten? Nicht nur. Ich fördere die Durchblutung, ich beuge Entzündungen vor


und möglicherweise manchen Krebsarten, ich lindere Gelenkschmerzen und helfe bei Übelkeit und Erbrechen. Ich bin ein Multitalent. Übrigens auch in ästhetischer Hinsicht: In Asien ist auch meine Blüte beliebt. Hier hat Europa noch aufzuholen. Offenbar sind Sie ein Kosmopolit. Wir hätten sie in China vermutet, stattdessen treffen wir Sie in Costa Rica an. Was ist das denn für ein Durcheinander hier? Waldfeldbau. Das ist wie in einer WG, nur ohne Putzplan. Um mich


Vom Ingwer (Zingiber officinale) kennt man in Europa vor allem den unter- irdischen Hauptspross, die knollige Wurzel. Über der Erde wächst der dicke Stängel 50 bis gut 100 Zentimeter in die Höhe und erin- nert mit den länglichen Blättern ein wenig an Schilf. Unverwechselbar macht ihn aller- dings die schöne, wohlduftende Blüte.


herum wachsen Maniok und Paprika, Tomaten und Mais, demnächst vielleicht noch Kakao, und die Waldhühnchen laufen frei herum. Das Gegenteil von Monokultur. Ist der Boden gesund, freut sich das Kraut! Jetzt soll es Sie auch noch als Getränk geben, hört man. GingerVerde – ist das nicht ein alter Hut? Ingwerlimo gibt’s schon lange, Ginger Ale noch länger. Von wegen, diese Mischung ist einzigartig! Ingwer, Orange, Maracuja, ein


bisschen Sanddorn und Limette; und viele gute Äpfel vom Kaiserstuhl. Passt eh‘ zu meinem Wesen. Ich bin Schärfe und Süße, Wurzel und Blüte, costa- ricanischer Dschungel und badische Streuobstwiese. Ich bin Yin und Yang.


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Foto: BaumInvest


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