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„Manchmal liegt das größte Risiko darin, ein Leben aufzubauen, das einen immer weiter von sich selbst entfernt.“
Dieselbe Idee zieht sich durch ihre Beziehung zur Musik. Statt den Wechsel von klassischer Ausbil- dung zu elektronischer Musik als Bruch zu begreifen, erkannte sie irgendwann, dass beide Welten immer dieselbe Sprache gespro- chen hatten.
„Lange Zeit dachte ich, ich wür- de zwei getrennte musikalische Leben führen. Das eine gehör- te zum Konservatorium, wo ich Harmonie und Komposition ge- lernt habe. Das andere gehörte zu dunklen Clubs und Warehouses. Klassische Musik hat mir Disziplin beigebracht. Sie hat mir gezeigt, dass Emotion viel kraftvoller wird, wenn sie von Struktur getragen wird. Elektronische Musik hat mir gezeigt, dass Sound ein Medium sein kann, das unsere Beziehung zu uns selbst und zu anderen verändert.“
„Selbst wenn ich Techno produzie- re, denke ich genauso viel über Harmonie, Spannung und Kom- position nach wie über Rhythmus. Für mich waren diese beiden Wel- ten nie widersprüchlich. Die eine hat mir beigebracht, wie Musik gebaut wird. Die andere hat mir beigebracht, warum Menschen sie brauchen. Alles, was ich heu- te mache, lebt irgendwo zwischen diesen beiden Ideen.“
Ob sie hinter den Decks ste- ht oder Live-Elemente über ihre Akai-Workstation einbindet, die- ser Dialog zwischen Struktur und Spontaneität prägt bis heute die Art, wie sie performt.
Wenn Musik ihre Sprache wurde, dann wurde der Dancefloor zu dem Ort, an dem sich ihre Bedeu- tung erweiterte.
„Ich glaube, Clubkultur wird oft als Eskapismus beschrieben, aber das hat für mich nie ganz gepasst. Flucht würde bedeuten, dass das echte Leben irgendwo anders stattfindet. Einige der ehrlichsten Momente, die ich erlebt habe, sind auf Dancefloors passiert.“
Eine Erinnerung ist ihr besonders geblieben.
„Miss Kittin hat gespielt, und un- ter all den Artists, die ich in diesen Jahren in Belgrad gesehen habe, ist sie herausgestochen, weil sie elektronische Musik nicht so be- handelt hat, als müssten Genre- grenzen sie definieren. Neben ihrer Kunst war vor allem eines bemer-
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kenswert: Sie war eine Frau. Als ich in Serbien aufgewachsen bin, habe ich nur sehr selten Frauen in solchen Rollen gesehen. Zu se- hen, wie jemand wie Miss Kittin so selbstverständlich einen Raum kontrolliert, hat mir gezeigt, dass Repräsentation nichts Symbo- lisches ist. Sie erweitert das, was man sich überhaupt vorstellen kann. Damals hatte ich noch keine Sprache dafür, aber rückblickend hat sie mir eine Art Erlaubnis ge- geben. Belgrad hat mir Resilienz und Gemeinschaft beigebracht. Berlin hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Kultur zu bewahren. In Los Angeles habe ich meine künst- lerische Freiheit gefunden, und Amsterdam fühlt sich wie ein na- türlicher Schnittpunkt an, an dem all diese Welten aufeinandertre- ffen. Was diese Orte gemeinsam haben, sind ihre transformativen Dancefloors.“
DEM EIGENEN SIGNAL VER- TRAUEN
Diese Stimme zu finden bedeu- tete auch, zu lernen, den eigenen Instinkten zu vertrauen, selbst wenn andere sie zunächst nicht verstanden.
„Als ich anfing, meine eigenen Produktionen live zu spielen, habe ich Sets rund um Ableton Push, Synthesizer und Improvisation aufgebaut. Einige Clubbesitzer in Serbien haben mir gesagt, ich sei ,zu Berlin für Belgrad‘. Sie fan- den, dass meine Live-Elemente und mein Fokus auf Melodie nicht zu dem passten, was das lokale Publikum von Techno erwartete. Also bin ich eine Zeit lang stär- ker in Richtung House gegangen. Der Umzug nach Los Angeles hat mich wieder zurück zu Techno ge- bracht. Dort habe ich eine Szene gefunden, die offener dafür war, Einflüsse miteinander zu verbin- den und sich weniger um Genre- grenzen kümmerte.“
„Reinier Zonneveld ungefähr zu dieser Zeit kennenzulernen, fühl- te sich fast symbolisch an. Ich hatte endlich angefangen, Musik zu machen, die wirklich nach mir klang, und er hat etwas in diesen Tracks gehört, bevor ich selbst voll darauf vertraut habe. Er begann, sie in seinen Sets zu supporten, und irgendwann haben wir zu- sammengearbeitet.
Zu sehen,
wie ,Okano‘, ein Track mit tradi- tionellen Balkan-Vocals, weltweit beim Publikum funktioniert hat,
hat mich daran erinnert, dass ge- nau die Dinge, die uns einzigartig machen, oft diejenigen sind, mit denen Menschen sich am tiefsten verbinden.“
„Heute bewegt sich meine Musik irgendwo zwischen hypnotischen Grooves, industrieller Energie und Trance-Emotion. Wenn ich meine frühesten Techno-Sets höre, bin ich überrascht, wie nah sie dem kommen, was ich heute spiele. Die BPM sind schneller und die Groo- ves härter, aber emotional suche ich immer noch nach demselben Gefühl.“
Dieses Gefühl der Übereinstim- mung wurde noch klarer, nach- dem sie später im Leben erfahren hatte, dass sie autistisch ist.
„Zu erfahren, dass ich autistisch bin, hat plötzlich Jahrzehnte an Erfahrungen verständlich gema- cht. Es hat mir geholfen, meine Beziehung zur Musik zu verste- hen, inklusive der Intensität, mit der ich mich in sie vertiefe, warum ich absolutes Gehör entwickelt habe, warum ich problemlos sechs Stunden damit verbringen kann, einen Sound zu verfeinern, den die meisten Menschen bewusst gar nicht wahrnehmen würden, oder denselben Track tausendmal hören kann, ohne müde davon zu werden. Mehrere Tracks während eines DJ-Sets zu layern oder mit Live-Elementen zu improvisie- ren, fühlt sich für mich nicht wie zusätzliche Komplexität an. Es ist einfach ein Ausdruck davon, wie mein Kopf ohnehin arbeitet.“
Die Diagnose veränderte auch, wie sie sich selbst außerhalb der Musik verstand.
„Lange Zeit dachte ich, ich müs- se spontaner werden oder mich in sozialen Situationen wohler fühlen. Ich konnte nicht verste- hen, warum Dinge, die für andere Menschen so einfach wirkten, für mich so viel bewusste Anstren- gung erforderten. Zu verstehen, wie mein Kopf funktioniert, hat die Maßstäbe verändert, an denen ich mich selbst gemessen habe. Es hat auch erweitert, wie ich über andere Menschen denke. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum es mir so wichtig ist, Räu- me zu schaffen, in denen unters- chiedliche Menschen das Gefühl haben können, dazuzugehören.“
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