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mixmag germany


Interessanter wird seine Kritik an Kamerakultur allerdings in dem Moment, in dem er sich selbst darin einschließt.


Ben weiß, was passiert, wenn aus einer großartigen Nacht Content wird. Das Publikum kann komple- tt im Moment aufgegangen sein, aber dann kommen die Videos. Ein Clip zeigt eine Reaktion, die weniger explosiv aussieht als das Material von einer anderen Show.


„Es steht außer Frage, dass So- cial Media Hard Techno da- bei geholfen hat, Menschen zu erreichen, die ihn sonst vielleicht nie entdeckt hätten. Ich habe gesehen, wie enorm die Szene gewachsen ist, und Plattformen wie Instagram und TikTok haben daran einen riesigen Anteil. Ich glaube nicht, dass das grundsät- zlich etwas Schlechtes ist. Es gibt immer noch sehr viele Menschen, die zu Shows gehen und sich komplett in der Musik verlieren.“


An der Nacht selbst hat sich ni- chts verändert.


Was sich verändert, ist der Maßs- tab, den man im Nachhinein an sie anlegt.


„Problematisch wird es meiner Meinung nach dort, wo die Onli- ne-Version des Erlebnisses be- ginnt, das eigentliche Erlebnis zu beeinflussen. Ich habe mich selbst schon dabei erwischt. Du bekommst Videos von einer Show und selbst wenn das Publi- kum eine unglaubliche Zeit ha- tte, gibt es vielleicht einen Clip, bei dem die Reaktion weniger explosiv aussieht als bei einer anderen Nacht. Plötzlich denkst du: ,Das kann ich nicht posten.‘ Du möchtest natürlich, dass der Content die besten Momente repräsentiert, aber


ich glaube,


genau daraus kann dieser Druck entstehen, ständig noch größere Reaktionen erzeugen zu müssen. Es ist fast so, als bräuchten wir nach jeder Show einen Beweis dafür, dass das Publikum spiri- tuelle Erleuchtung erreicht hat.“


Hinter dem Witz steckt ein ech- ter Konflikt. Von jedem Publi- kum wird erwartet, überwältigt auszusehen. Jeder Drop soll rie- sig wirken. Jede Performance soll den Beweis liefern können, dass etwas Außergewöhnliches pas- siert ist.


Bens eigener Ansatz basiert je- doch gerade auf Dynamiken, die sich nicht immer in wenigen Se-


kunden vermitteln lassen. Spannung braucht Raum. Wiederholung braucht Zeit.


Ein Raum kann vollkommen in einer Musik aufgehen, ohne per- manent Reaktionen zu produzie- ren, die auf einem Bildschirm be- sonders gut funktionieren.


Ben stellt sich selbst nicht außer- halb dieses Widerspruchs. Er ist Teil derselben Umgebung, postet Videos und versteht den Wunsch, die stärksten Momente zu zeigen. Die entscheidende Frage ist, ob die Darstellung irgendwann be- ginnt, das Erlebnis zu beeinflus- sen, das sie eigentlich dokumen- tieren sollte.


„Wenn jeder Moment in einem 15-Sekunden-Clip wie der ab- solute Höhepunkt der Nacht aussehen muss, entsteht auto- matisch ein Anreiz, alles noch lauter, härter und dramatischer zu machen. Ich versuche, das ni- cht beeinflussen zu lassen, was ich spiele. Ich möchte keine Mu- sik machen oder Sets spielen, nur weil ich glaube, dass sie auf Social Media gut funktionieren werden. Die Menschen, die direkt vor mir stehen, sind das Publikum, das zählt. Wenn sie sich komplett in der Musik verlieren, interessiert es mich ehrlich gesagt nicht be- sonders, ob daraus ein guter Ins- tagram-Clip entsteht. Auf dem Dancefloor gibt es keinen Algo- rithmus.“


Es ist eine weitere Version dessel- ben Problems, das „Kein Vorbei“ bereits im Studio sichtbar gema- cht hatte: Was passiert, wenn die erwartete Reaktion beginnt, die Entscheidung zu treffen?


Langlebigkeit statt permanenter Beschleunigung


Bens Verhältnis zu Langlebigkeit gibt dieser Frage noch eine wei- tere Dimension.


Musik hatte bereits einen großen Teil seines Lebens bestimmt, lan- ge bevor sein Artist-Projekt die heutige Dynamik entwickelte. Er schrieb und nahm seit seiner Ju- gend Musik auf, arbeitete hinter den Kulissen und unterrichtete andere.


Dann riss ihn ein schwerer Au- tounfall für mehrere Jahre aus der Musik heraus.


Er beschreibt diese Zeit als ei-


nen der tiefsten Punkte seines Lebens. Gleichzeitig zwang ihn die Distanz dazu, neu darüber nachzudenken, was er von Musik wollte und welche Art von Leben darum herum überhaupt möglich war.


Als er zurückkehrte, war Langle- bigkeit nicht mehr etwas, worü- ber er irgendwann später nach- denken wollte. Sie wurde Teil der Karriere selbst.


„Es bringt nicht viel, etwas Erfol- greiches aufzubauen, wenn man sich dabei selbst ausbrennt, nur um es am Leben zu halten.“


Ben möchte seine Musik wei- terentwickeln


und irgendwann


eigene Events und Konzepte auf der ganzen Welt aufbauen. Expansion ergibt für ihn jedoch keinen Sinn mehr, wenn sie glei- chzeitig die Bedingungen zers- tört, die notwendig sind, um über- haupt weitermachen zu können.


Auch das, was er hinterlassen möchte, ist erstaunlich schlicht.


Ein Track sollte auch Jahre später noch seine Handschrift tragen.


Noch wichtiger ist ihm allerdings, dass sich jemand daran erinnert, was dieser Track für ihn oder sie bedeutet hat.


Damit führt die Geschichte zurück zu „Kein Vorbei“.


Der Track entstand nicht als Strategie, um sich bewusst von anderen abzuheben. Er entstand an einem Tag, an dem die Dis- tanz zwischen etwas zu fühlen und daraus Musik zu machen un- gewöhnlich klein war.


Die Melodien kamen. Ben folgte ihnen. Das Publikum kam danach.


Natürlich beobachtet er dieses Publikum weiterhin. Er verändert seine Richtung aufgrund seiner Reaktionen. Er kennt die Versu- chung, im Voraus zu überlegen, was den größten Effekt erzielen könnte, im Raum genauso wie auf einem Bildschirm.


Aber eine Reaktion wahrzune- hmen und sie die Entscheidung treffen zu lassen, sind zwei unter- schiedliche Dinge.


Der nächste Track muss immer noch zuerst ihn selbst bewegen.


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