ben techy
Diese körperliche Reaktion lässt sich nicht auf Lautstärke re- duzieren. Ben steht Tracks skep- tisch gegenüber, die versuchen, jeden einzelnen Abschnitt wie einen Höhepunkt wirken zu las- sen. Permanente Eskalation fla- cht irgendwann ab. Seine Arran- gements leben stattdessen von Erwartung, Rücknahme und Rüc- kkehr.
Noch deutlicher wird er, wenn er über Produktionen spricht, deren gesamte Identität verschwindet, sobald man die Kick entfernt.
„Wenn die komplette Identität ei- nes Tracks darin besteht, dass er schmerzhaft klingt, bin ich mir ni- cht sicher, ob es nach den ersten 30 Sekunden noch besonders viel zu entdecken gibt.“
Ben mag abrasive Sounds. Was ihn nicht interessiert, ist Härte als Selbstzweck. Es muss einen wei- teren Grund geben, dabeizublei- ben: eine Melodie, Atmosphäre, Spannung oder etwas Ungewohn- tes, das gerade durch seine Plat- zierung Bedeutung gewinnt.
Aufgewachsen in Schottland, hörte er intensiv Berliner hypno- tischen Techno und Hard Groove. Ihn faszinierte Musik, die dunkel, repetitiv und minimal bleiben konnte, ohne sich permanent er- klären zu müssen. Diese Einflüsse wurden in seiner eigenen Musik so deutlich, dass Hörer:innen re- gelmäßig davon ausgehen, er sei Deutscher.
Er versteht, warum.
Deutsche Vocals tauchen häu- fig in seinen Produktionen auf, und Ben gefällt das Gewicht der Sprache in Verbindung mit här- teren rhythmischen Strukturen. Die Aussprache funktioniert für ihn musikalisch und erlaubt es gleichzeitig, Ideen weniger direkt zu vermitteln, als es auf Englisch manchmal der Fall wäre. Die Spra- che wurde so zu einer weiteren Textur innerhalb eines Sounds, der den Einfluss Berlins längst aufge- nommen hatte, ohne so zu tun, als würde er selbst dorthin gehören.
Diese Vorliebe für Ideen statt Oberflächen prägt auch seinen Produktionsprozess.
Die meisten Projekte beginnen mit einer Melodie. Ben arbeitet an
einer Idee, bis er das Potenzial für einen vollständigen Track spüren kann. Dann stellt er sich selbst im Publikum vor und versucht, den Track zum ersten Mal zu hören. Wenn er beginnt, sich auf seinem Stuhl zu bewegen oder ihm die Haare zu Berge stehen, gibt es etwas, dem es sich zu folgen lohnt.
Erst dann beginnt die obsessivere Arbeit.
Sein technischer Hintergrund
macht Zurückhaltung für ihn be- sonders wichtig. Ben arbeitete als Mastering Engineer an Releases etablierter Artists und Labels und unterrichtete Produzent:innen, die später selbst Musik veröffentlich- ten. Gegenüber seinen eigenen Mixes bleibt er extrem kritisch und hört sich veröffentlichte Tracks oft später noch einmal an, wobei ihm sofort Balancen oder Entscheidungen auffallen, die er heute verändern würde.
Aber technische Unzufriedenheit hat ihre Grenzen.
Ein:e Produzent:in kann einen ganzen Tag damit verbringen, Kompressoren und EQs zu verän- dern, und dabei gleichzeitig der Möglichkeit ausweichen, dass vielleicht schlicht das Arrange- ment nicht funktioniert. Aktivität kann Unentschlossenheit sehr lei- cht kaschieren.
„Der Mix sollte die Idee zum Leben erwecken. Er sollte nicht dafür verantwortlich sein, dass die Idee überhaupt funktioniert.“
Aus Einzelteilen etwas Neues bauen
Diese Vorliebe für Konstruktion statt bloßer Perfektion wird beim DJing körperlich spürbar.
Ben bereitet seine Sets nur selten als feste Abfolge vor. Stattdessen beobachtet er den Raum in Frag- menten, schaut zwischen seinen Entscheidungen immer
hoch und versucht zu verstehen, ob die Leute vollkommen bei ihm sind, auf eine Veränderung war- ten oder bereit sind, ihm an einen unerwarteten Ort zu folgen.
Die Arbeit mit vier Decks erlaubt ihm, Tracks eher als Material denn als abgeschlossene Werke zu be- handeln. Percussion aus einem Track kann über einem ande-
ren liegen. Top Loops und Vocals wandern zwischen verschiede- nen Strukturen. Manchmal lädt er denselben Track auf zwei Decks, um unterschiedliche Elemente separat zu manipulieren, während andere Edits direkt live entstehen.
„Ich bewege mich nicht einfach von einem fertigen Track zum nä- chsten. Ich nehme einzelne Teile aus unterschiedlichen Tracks und bringe sie dazu, miteinander zu funktionieren.“
Vielleicht weiß er, welche Platte er als Nächstes erreichen möchte, aber nicht zwingend, wie er dor- thin kommt. Das Publikum kann die Route verändern. Ein Über- gang zieht sich länger. Ein ande- rer Track kommt dazwischen. Ein Element bleibt länger im Mix als geplant.
Die besten Sets sind für ihn nicht einfach jene, bei denen das Publi- kum überrascht wird.
„Die besten Sets sind die, bei de- nen ich selbst fast überrascht da- von bin, wo ich am Ende gelandet bin.“
Diese Betonung von tatsächlicher Beteiligung erklärt auch sein Un- behagen gegenüber einer anderen Form zeitgenössischer DJ-Per- formance: einer, die vor allem de- monstrieren soll, dass gerade Per- formance stattfindet.
Ben sieht einen Unterschied zwis- chen gutem DJing und so auszu- sehen, als wäre man gut im DJing.
Kameras haben diesen Unters- chied schwerer ignorierbar gema- cht.
wieder
Seine Kritik richtet sich nicht ge- gen körperliche Performance an sich. Sie beginnt dort, wo Gesten musikalische Entscheidungen ersetzen. Die richtigen Tracks auszuwählen, zu verstehen, wie sie miteinander interagieren und die Energie eines Raums zu kon- trollieren, bleibt für ihn die eigent- liche Arbeit. Technologie sollte diese Möglichkeiten erweitern, ni- cht reduzieren.
„Wenn die technischen Hürden niedriger werden, sollte meiner Meinung nach auch der Anspruch steigen.“
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