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mixmag germany


zwischen crowd und stille


Das Tourleben verschiebt ständig die Dimensionen. Nachts stehst du vor Hunderten oder Tausenden Menschen, am nächsten Morgen bist du plötzlich völlig allein. Von der Bühne aus sieht alles nach permanenter


Bewegung aus.


Glenn hat jedoch gelernt, dass Touren zu einem überraschend großen Teil aus Warten besteht.


„Von außen sieht es wahrschein- lich nach einem permanenten Abenteuer aus. Jedes Woche- nende sehe ich Länder, in die ich sonst vielleicht nie gekommen wäre,


lerne neue Leute kennen


und kann mit dem, was ich liebe, meinen Lebensunterhalt verdie- nen. Dafür bin ich wirklich dank- bar. Aber es gibt eben auch diese andere Seite, die kaum jemand sieht. An vielen Wochenenden bin ich allein unterwegs, sitze an Flu- ghäfen herum, checke allein im Hotel ein und fahre nach einer in- tensiven Show auch wieder allein nach Hause.“


Der Wechsel von maximaler sozialer Energie zu völliger Ruhe war für ihn nicht immer ein- fach. Mit der Zeit hat sich jedoch verändert, was diese Stunden allein für ihn bedeuten.


„Eine der wichtigsten Lektio-


nen, die ich durch dieses Leben gelernt habe, ist, mit mir selbst klarzukommen und das Alleinsein sogar genießen zu können. Früher fiel mir das schwer. Gerade noch in einem komplett vollen Raum zu stehen und im nächsten Moment absolute Stille zu erleben, war ni- cht immer easy. Irgendwann habe ich angefangen, diese ruhigen Momente anders zu sehen. Sie geben mir Zeit zum Nachdenken, zum Auftanken und dazu, mich selbst besser kennenzulernen. Ich lerne immer noch, aber mir ist klar geworden, dass es genauso wi- chtig ist, mit sich selbst eine gute Zeit haben zu können wie auf der Bühne. Dadurch bin ich definitiv ruhiger und geerdeter geworden.“


Allein zu sein bedeutet heute jedoch nicht automatisch, wir- klich disconnected zu sein. Ein Blick aufs Handy, und der Noise ist sofort wieder da – nur in ei- ner anderen Form. Andere Artists touren, releasen Tracks, kündigen Shows und Projekte an.


Man sieht ständig, wie sich ihre Karrieren entwickeln; all das Warten dazwischen bleibt dage- gen unsichtbar.


„Social Media kann das Ganze noch schwieriger machen, weil es so leicht ist, sich ständig mit anderen zu vergleichen. In den vergangenen Monaten habe ich gemerkt, dass dieses Mindset auf Dauer einfach nicht funktioniert. Das zu ändern, braucht Zeit. Ich lerne, mich stärker auf meinen ei- genen Weg zu konzentrieren und gleichzeitig mein Leben außer- halb der Musik zu schützen – Fre- unde zu sehen, zu trainieren und Dinge zu tun, die absolut nichts mit SANTØS zu tun haben.“


Ambition war für Glenn nie das Problem. Sie gehört zu ihm. Die Veränderung besteht eher darin, herauszufinden, welcher Druck ihn wirklich weiterbringt – und welcher


irgendwann nur noch seine Wahrnehmung verzerrt.


„Ich war schon immer extrem ambitioniert. Schon bevor Mu- sik mein Beruf wurde, habe ich selbstständig


gearbeitet und


mir Ziele gesetzt, die für andere wahrscheinlich komplett unrea- listisch wirkten. Ich sehe daran nichts Schlechtes. Große Ziele geben mir eine Richtung und mo- tivieren mich, besser zu werden. Ein gewisser Druck ist für mich gesund – solange man dabei nicht vergisst, den Weg zu ge- nießen.“


Schwierig wird es dann, wenn man nicht mehr den eigenen Fortschritt misst, sondern den ei- nes anderen.


„Das ist mir in letzter Zeit viel bewusster geworden. Ich will im- mer noch die beste Version mei- ner selbst werden, und dieses Feuer will ich auf keinen Fall ver- lieren. Aber sich permanent mit anderen Artists zu vergleichen, ist wahrscheinlich einer der sch- nellsten Wege, völlig die Perspe- ktive zu verlieren. Der einzige Ver- gleich, der für mich wirklich zählt, ist: Bin ich besser als gestern? Aber versteht mich nicht falsch – ich werde trotzdem alles geben, um aus dieser Karriere absolut alles herauszuholen.“


Diesen Widerspruch versucht


Glenn gar nicht erst schönzure- den. Er möchte mehr Perspekti- ve gewinnen, ohne weniger hun- grig zu werden. Er will ein Leben außerhalb von SANTØS führen, ohne SANTØS weniger ernst zu nehmen. Und wenn der Druck zu groß wird, gehört es inzwis- chen dazu, diese beiden Welten bewusst voneinander zu trennen.


„Wenn es zu viel wird, versuche ich nicht mehr, alles in mich hi- neinzufressen. Ich rede mit Fre- unden und Menschen, denen ich vertraue, und ich war auch in Therapie. Das hat mir sehr gehol- fen. Gleichzeitig brauche ich ein Leben außerhalb der Musik. Ganz einfache Dinge: trainieren, Freu- nde sehen, Interessen haben, die nichts mit der Szene zu tun ha- ben. Diese Balance hält mich auf dem Boden und hilft mir, wieder Perspektive zu gewinnen, wenn der Druck rund um die Musik zu groß wird.“


WENN PLÖTZLICH MEHR ZEIT DA IST


Beim One Day Music Festival in Italien passierte genau das Ge- genteil von dem, was Glenn sonst häufig erlebt: Die Zeit wurde plötzlich nicht knapper, sondern weiter. Ein anderer Artist musste absagen, wodurch Glenn deutlich mehr Spielzeit bekam als urs- prünglich geplant. Er hätte die- se zusätzlichen Minuten einfach mit weiteren Tracks füllen kön- nen. Stattdessen nutzte er sie, um herauszufinden, was mit sei- nem Sound passiert, wenn nichts überstürzt werden muss.


„Eine Nacht, die ich definitiv nie vergessen werde, war mein Set beim One Day Music Festival in Italien. Das war das erste Mal, dass ich wirklich das Gefühl ha- tte: Jetzt passt einfach alles. Ein anderer Artist musste ab- sagen, also bekam ich mehr Zeit für mein Set. Und statt dadurch mehr Druck zu spüren, hatte ich plötzlich den Raum, die Journey genauso aufzubauen, wie ich sie haben wollte.“


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