santøs wenn plötzlich mehr zeit da ist
Das längere Set gab der Na- cht Luft. Glenn konnte einen viel weiteren Spannungsbogen ziehen und sich von der Energie der
italienischen Crowd leiten
lassen. Statt von Peak zu Peak zu springen, konnte er den Floor Minute für Minute lesen und un- mittelbar reagieren.
„Ich konnte mich wirklich mit der italienischen Crowd verbinden, ihre Energie Minute für Minute lesen und direkt darauf reagie- ren. Es fühlte sich an, als würde jede Entscheidung hinter den Decks einfach funktionieren. Alles wurde zu Gold. Diese Ver- bindung war völlig mühelos, und zum ersten Mal hatte ich wirklich das Gefühl, eins mit der Crowd zu sein. Als ich von der Bühne kam, wusste ich: Genau hier soll ich sein.“
Für jemanden, der so viel über Tension und Release spricht, war One Day der Moment, in dem die- se Begriffe plötzlich mehr waren als Produktionssprache. Das Set konnte atmen. Die Crowd konnte antworten. Es ging nicht darum, den Floor maximal hart zu pus- hen, sondern ihn genau genug zu lesen, um zu wissen, wann der nächste Move kommen musste.
Eine andere Nacht zeigte Glenn dieselbe Verbindung aus der entgegengesetzten Richtung. Vor seinem Set bei der Are- na-Show fühlte sich überhaupt nichts kontrolliert an. Sein Flug hatte Verspätung, und er kam bereits völlig angespannt an der Venue an.
„Eine der Nächte, vor denen ich am nervösesten war, war die Arena. Mein Flug hatte Verspä- tung, und als ich endlich ankam, konnte wirklich nichts diese Ner- vosität lindern. Nicht einmal ein Drink half. Mit all dieser Anspan- nung kam ich in die Venue.“
Dann übernahm die Crowd.
„In der Sekunde, in der ich hinter den Decks stand, hat mich die Energie der Crowd komplett er- fasst. Jeder Moment holte mich aus meinem Kopf und erinner- te mich daran, warum ich das überhaupt mache. In solchen Augenblicken kann die Energie, die du von der Crowd zurückbe- kommst, deinen gesamten Zus-
tand verändern. Sie erinnert mich daran, dass diese Verbindung wirklich da ist. Und manchmal ist das alles, was man braucht.“
Die Vorstellung, dass der DJ allein für die Energie eines Floors verantwortlich ist, greift für SANTØS deshalb zu kurz. Er kann die Situation aufbauen, doch die Energie fließt in beide Richtungen. Manchmal kommt Glenn in den Club und kontro- lliert die Spannung. Und manch- mal ist es die Crowd, die sie ihm nimmt.
WAS VOM ERFOLG ÜBRIG BLEIBT
Mit dem Wachstum von SAN- TØS hat sich auch Glenns Wahr- nehmung von Erfolg verändert. Früher waren Meilensteine kla- rer voneinander getrennt. Man konnte einen erreichen, kurz innehalten und ihn wirklich be- greifen. Heute geht alles schne- ller. Kaum ist eine Grenze errei- cht, taucht schon die nächste auf. Genau deshalb kann Erfolg manchmal schwerer zu spüren sein, obwohl es immer mehr da- von gibt.
„Früher bestand Erfolg aus klei- neren Momenten, und wahrs- cheinlich habe ich mir auch mehr Zeit genommen, sie wirklich zu genießen. Heute fühlt es sich manchmal wie eine Endloss- chleife an: Du denkst, größer kann es jetzt eigentlich nicht mehr werden – und dann wird es trotzdem wieder größer.“
Damit hat sich auch verändert, woran er Erfolg misst. Ein vira- ler Moment bringt Sichtbarkeit, doch die kann genauso schnell wieder verschwinden. Glenn in- teressiert heute viel mehr, was bleibt, wenn dieser Peak vorüber ist.
„Heute bedeutet Erfolg für mich, weiterhin das tun zu können, was ich liebe – auf einem Level, mit dem ich zufrieden bin – und dabei noch immer die Wertschätzung der Leute zu spüren. Einen vira- len Moment oder einen <Track zu haben, der plötzlich komplett einschlägt, ist eine Sache. Aber Woche für Woche konstant zu liefern, ist etwas anderes. Erfolg zeigt sich für mich nicht mehr nur in Zahlen. Es geht um das Gefühl,
dass das, was ich mache, noch immer bei den Leuten ankom- mt und dass die Wertschätzung, die ich am Anfang gespürt habe, weiterhin da ist.“
Auffällig ist, dass Glenn im- mer wieder beim Gefühl landet – nicht bei Zahlen oder Größe. Obwohl der Sound von SANTØS körperlich extrem hart sein kann, beschreibt er das Projekt fast nie nur über Aggression. Groove zählt. Emotion zählt. Erinnerung zählt. Eskapismus ebenfalls – aber nur, wenn danach noch etwas bleibt.
„Natürlich kann Musik eine Flu- cht aus dem Alltag sein, und ich hoffe, dass meine Sets den Leu- ten genau diese Freiheit geben. Aber ich möchte auch, dass sie danach das Gefühl haben, Teil von etwas Besonderem gewesen zu sein – nicht einfach nur auf ir- gendeiner weiteren Party.“
Damit kehrt er zur ursprün-
glichen Idee hinter SANTØS zurück. Das Projekt sollte nie einfach daraus bestehen, einen bekannten Track nach dem an- deren zu spielen. Glenn möchte das Zeitgefühl eines Floors so stark verändern, dass die einzel- nen Tracks irgendwann weniger wichtig werden als das, was sie gemeinsam auslösen.
„Wenn jemand aus einem meiner Sets rausgeht, soll er das Gefühl haben, gerade etwas erlebt zu haben, das er nirgendwo anders hätte erleben können. Wenn je- mand danach denkt: ‚Das muss ich noch mal erleben‘, dann habe ich meinen Job gemacht.“
Darin steckt ein interessanter Widerspruch. Der Sound von SANTØS basiert zum Teil auf Musik, mit der Glenn selbst star- ke Erinnerungen verbindet. Trot- zdem geht es nicht darum, die Erinnerung eines anderen zu re- produzieren, sondern die Bedin- gungen dafür zu schaffen, dass eine völlig neue entstehen kann.
„Mehr als alles andere möchte ich, dass die Leute dieses Gefühl noch lange in Erinnerung behal- ten, nachdem die Musik aufge- hört hat. Genau das versuche ich jedes Mal zu schaffen, wenn ich spiele.“
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