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wittgenstein


Die Idee von Wiederholung zieht sich durch deine Arbeit. Hat dich die klassische Musik unbewusst auf elektronische Musik vorbere- itet?


„Absolut.“


Statt Beethoven oder Chopin zu erwähnen, spricht er sofort über Steve Reich.


„Als wir in der Schule Piano Pha- se aufgeführt haben, hat das alles verändert. Zwei Klaviere spielen fast identische Phrasen, während sich eines davon langsam gegen das andere verschiebt. Manche fanden das wahrscheinlich frus- trierend. Ich fand es hypnotisch.“


Dieser Auftritt war weniger ein Endpunkt als vielmehr ein Anfang.


„Es war vermutlich das erste Mal, dass ich Minimalismus wirklich erlebt habe. Das Klavier hat mir Emotion beigebracht. Das Schla- gzeug hat mir Bewegung beige- bracht. Jazz, Bossa Nova und Fil- mmusik haben mir gezeigt, dass völlig unterschiedliche Ideen glei- chzeitig existieren können. Selbst heute denke ich nicht in Tracks. Ich denke in Narrativen.“


Du bewegst dich gleichermaßen selbstverständlich zwischen Peak-Time-Clubs und Listening Bars. Sind das tatsächlich zwei unterschiedliche Disziplinen?


„Absolut.“


„In einem Club musst du Momen- tum steuern. Du liest permanent den Raum, entscheidest, wann du Spannung aufbauen und wann du sie wieder lösen musst. Jede Entscheidung passiert intuitiv.“


Listening Bars verlangen seiner Meinung nach beinahe das Ge- genteil.


„Die Menschen kommen nicht dorthin, um sich in Lautstärke zu verlieren. Sie kommen, um auf- merksam zuzuhören. Jede Transi- tion zählt, weil jedes Detail hörbar wird.“


Der eigentliche Unterschied sei jedoch nicht technischer Natur.


„Beide Umgebungen erinnern dich daran, dass Musik niemals Ein- bahnstraßen-Kommunikation ist. Das Publikum formt die Erfahrung genauso stark wie der DJ.“


München steht oft im Schatten Berlins. Warum verdient die Stadt deiner Meinung nach mehr Auf- merksamkeit?


Er lächelt.


„Die Menschen vergessen, was hier alles passiert ist.“


Die Stadt, in der einst Giorgio Moroders legendäre Musicland Studios beheimatet waren, pflegt bis heute still und leise eines der gesündesten unabhängigen Mu- sik-Ökosysteme Deutschlands.


„Du hast Labels wie Ilian Tape und Public Possession, Plattenläden wie Riviera Records und Orte wie LEGAL. Keines dieser Projekte existiert, weil es gerade angesagt ist. Sie existieren, weil Menschen sich wirklich dafür interessieren.“


Trotz zunehmenden wirtschaftli- chen Drucks blickt er optimistisch auf die Entwicklung der Stadt.


„Das Besondere ist nicht nur die Musik. Es ist die Offenheit. Mens- chen bewegen sich ganz selbs- tverständlich zwischen Clubs, Listening Bars und Community Spaces. Genau diese Neugier hält die Szene lebendig.“


Deine Debüt-EP Deep Dri- ve scheint sich stärker für At- mosphäre als für klassische Club-Funktionalität zu interes- sieren. War das bewusst so ange- legt?


„Jeder Track beginnt mit einem Gefühl.“


Nicht mit einer Kickdrum. Nicht mit einer Bassline.


„Meistens hat dieses Gefühl mit einem Ort, einem Gespräch oder einer Erinnerung zu tun.“


Die drei Tracks der EP orientieren sich stark an Ron Trents Philoso- phie, Musik für Geist, Körper und Seele gleichermaßen zu erscha- ffen.


„Ich hoffe, dass die Leute diese Tracks nicht nur im Club hören. Ich hoffe, dass sie sich Zeit da- für nehmen, immer wieder zu ih- nen zurückkehren und bei jedem Hören etwas Neues entdecken.“


Elektronische Musik bewegt sich heute schneller als je zuvor. Al- gorithmen belohnen Sichtbarkeit stärker als Geduld. Wie schützt du deine eigene Identität?


Bevor er antwortet, zitiert er Chuck Roberts.


„House music is a universal lan- guage.“


Für Wittgenstein sind diese Wor- te weniger ein Slogan als vielmehr eine Verantwortung.


„Authentizität beginnt damit, den Ursprung der Musik zu respektie- ren. Ihre Geschichte. Ihre Commu- nities. Ihre Kultur.“


Gleichzeitig lehnt er Entwicklung keineswegs ab.


„Man muss sich weiterentwickeln. Aber Trends verschwinden un- glaublich schnell. Ich würde lieber Jahre damit verbringen, etwas au- fzubauen, das sich in zehn Jahren noch ehrlich anfühlt, als etwas zu verfolgen, das nur für eine Saison relevant ist.“


Während sein Profil durch neue Veröffentlichungen, internatio- nale Bookings und sein Debüt beim UNUM Festival im Juni wei- ter wächst, wird schnell deutlich, dass Wittgenstein nicht daran in- teressiert ist, lauter zu sein als alle anderen.


Er interessiert sich vielmehr dafür, Menschen zum Zuhören zu brin- gen.


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