Interview
„ Jeder Verstoß ist einer zu viel“
ICG-Chef Thomas Zinnöcker über Kosten und Nutzen von Compliance-Systemen
Im Herbst 2002 wurde das Institut für Corporate Governance in der deutschen Immobilienwirtschaft gegründet. Was war der Auslöser?
Das Image der Branche war damals nicht das Beste. Schuld daran waren Skandale von einzelnen Marktteilnehmern, die teilweise sogar zu Prozessen geführt haben. Auch das öffentliche Misstrauen gegenüber ausländischen Kapitalgebern, die damals erstmalig in größerem Stil in den deutschen Immobiliensektor investierten, trug zum negativen Bild der Branche bei. Führende Köpfe aus der Immobilienwirtschaft taten sich deshalb damals zusammen, um Leitlinien für einen transparenten Markt zu entwickeln und Vertrauen zu schaffen. So ist das ICG entstanden.
Was sind die wesentlichen Compliance-Risiken in der Immobilienwirtschaft?
Grundsätzlich kommt der Immobilienbranche eine besondere soziale Verantwortung zu. Ganz einfach, weil es sich beim Wohnen um ein Grundbedürfnis handelt, das jeden betrifft. Daher ist das öffentliche Interesse berechtigterweise entsprechend groß, wenn es zu Fehlverhalten kommt. Die großen finanziellen Volumina, die in der Branche bewegt werden, führen außerdem dazu, dass Missmanagement
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oder Fehlverhalten eine besondere Tragweite entwickeln. Den einen oder anderen mögen diese Volumina zu falschen oder im schlimmsten Fall kriminellen Handlungen verleiten.
Bei einer Umfrage, die die Unternehmensberatung KPMG zusammen mit dem ICG durchgeführt hat, gaben 90 Prozent der Befragten an, dass der Compliance-Bereich der Betrugsprävention in ihrem Unternehmen besonders relevant ist. Werden Bereiche wie IT-Sicherheit, Geldwäsche oder Umgang mit Geschäftspartnern unterschätzt?
In einigen Unternehmen scheint dies noch der Fall zu sein. Als ICG machen wir deutlich, dass Compliance für alle Unternehmensbereiche von zentraler Bedeutung ist. Hierfür publizieren wir regelmäßig sehr spezifische Hilfestellungen, wie beispielsweise zum Themenbereich IT- und Datenschutz- Compliance. Wir kooperieren bei manchen Schwerpunkten auch mit anderen Verbänden, wie etwa beim Thema Geldwäsche mit der RICS. Gemeinsam wollen wir das Bewusstsein für die notwendige Vielfältigkeit von Compliance schärfen.
Seit Gründung des ICG hat sich ja bereits viel in der Branche getan, es gibt aber sicher noch immer einiges zu tun. Wo sehen Sie derzeit die größten To-dos?
Die meisten Unternehmen sind bereit, sich mit guter Governance und guter Compliance auseinanderzusetzen. Sie arbeiten sauber und haben professionelle Compliance-Richtlinien eingeführt. Dennoch hinken wir als Branche in manchen Bereichen der nachhaltigen Unternehmensführung noch hinterher. So zum Beispiel bei den Kompensationssystemen. Manche Unternehmen schauen hier aus nachvollziehbaren Gründen hauptsächlich auf die Quartalszahlen. Das ist aber zu kurz gedacht. Wir wollen Führungskräfte ermutigen, langfristiger zu denken und zu planen. Dazu gehört auch die Frage, welche Vergütungssysteme am besten zur Unternehmenskultur passen. Das ICG hat dazu einen Praxisleitfaden entwickelt, um das Spannungsfeld zwischen guter nachhaltiger Unternehmensführung und dem Druck, Umsätze und Quartalsberichte nach vorne zu bringen, aufzulösen.
Wie kann Compliance am besten in eine gelebte Unternehmenskultur integriert werden?
Compliance heißt in vielen Unternehmen, dass abstrakte Regeln an die Mitarbeiter kommuniziert werden, ohne Rücksicht auf deren jeweiliges Geschäftsfeld. Viele Mitarbeiter jonglieren zwischen den vom Unternehmen gewünschten wirtschaftlichen Zielen, den eigenen
Quintessenz Q3 | 2019
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