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der Rest drumherum hat sich binnen weniger Jahre grundlegend verändert“, beschreibt die Münchener Stil-Beraterin die Lage an der Einkaufsfront. „Einige Traditionshäuser haben geschlossen und die Dominanz der oft beliebigen Filialisten ist deutlich stärker geworden. Meist geht es um Masse statt Klasse.“ Ihre Beobachtung belegen die Zahlen. Lag der Anteil der Ketten in der Innenstadt 2005 noch bei rund 50 Prozent, so hat die Neuhauser Straße heute bereits 80 Prozent erreicht. Auf der Theatinerstraße, neben dem Promenadenplatz eine der attraktivsten Lagen, gehören drei von vier Geschäften zu einer Kette.
Seit mehr als zehn Jahren ist der Münchener Einzelhandel Goosmann- Lauers Revier. Ihr Credo: „Kleidung ist Ausdruck der Persönlichkeit.“ Ihr Angebot: Vom Imagecoaching und der Stilberatung über den Kleiderschrank- Check bis zur professionellen Einkaufsbegleitung. Auf ihr München lässt sie nichts kommen und doch sieht sie die jüngsten Veränderungen kritisch: „Ketten haben nicht den Charme einer individuellen Boutique. Sie haben vielleicht die Masse, jede Größe und Farbe vorrätig, wechseln schnell die Kollektion. Aber das persönliche Stück, das Besondere, das man wegen der Individualität über Jahre gerne trägt, bieten diese Läden nicht.“ Mit Bedauern stellte sie in den vergangenen Monaten fest, dass jetzt Kaffee in Bechern verkauft wird, wo vorher liebgewonnene Kleinläden waren. „Insbesondere die Leopoldstraße hat so ihr Gesicht grundlegend verändert“, zieht sie Zwischenbilanz. Dabei geht es Heike Goosmann-Lauer längst nicht nur um Standorte für Luxusprodukte: „Meine Kundschaft reicht von der Mutter, die mit ihrem Sohn einen Anzug für das Vorstellungsgespräch sucht, bis hin zum Unternehmer mit engem Zeitplan, der sich stilgerecht ausstatten möchte.“ Doch ausgerechnet der hat es nach ihrer Beobachtung mittlerweile schwerer, wenn er aus der Masse
herausstechen will, denn München gehen die innovativen Herrenausstatter aus.
Maximilianstraße büßt Flanierfaktor ein
Der Trend zu internationalen Großmarken macht auch vor Institutionen nicht halt: Die weltweit renommierte Maximilianstraße verzeichnete 2012 eine Spitzenmiete von 260 Euro und 65 Prozent Filialisten. Heute liegt sie bei 330 Euro und 76 Prozent. „Die großen Marken sind nach wie vor alle vertreten. Wer eine besonders exklusive Tasche sucht, wird sie dort schnell finden“, sagt Shopping- Coach Heike Goosmann-Lauer. „Aber der Flanierfaktor ist deutlich zurückgegangen, seit die typisch Münchener Gastronomie geschlossen hat. Jetzt hasten die meisten an den Schaufenstern vorbei, anstatt zu verweilen.“ Gemeint sind Schumann’s legendäre Bar und auch deren Nachfolger „Bar München“, das Café Roma oder das Centro im Campari- Haus. Als sie in den vergangenen Monaten gingen, erodierte die Gemütlichkeit. Die Folge: Den Treffpunkt von Altstadtring und Maximilianstraße kürte die Süddeutsche Zeitung jüngst zur „tötesten Ecke der Innenstadt“.
Dafür floriert es an anderer Stelle: So hat das italienische Konzept „Eataly“ die Schrannenhalle südlich des Viktualienmarktes mit Gastronomie, Lebensmitteln und Bianchi-Rennrädern wiederbelebt. Auf 4.600 m² ist Turiner dolce vita mit seiner ersten Filiale in Deutschland eingezogen. Selbstredend in München, der mediterransten Metropole der Republik.
München ist der begehrteste Standort für nationale wie internationale Retail- Konzepte: Leerstand ist die absolute Ausnahme und meist nur in B- und Randlagen zu finden. In den absoluten Toplagen herrscht hingegen großes
Heike Goosmann-Lauer
Gedränge. Aktuell sind dort nur zwei Prozent der Fläche und fünf Prozent der Läden verfügbar. Diese JLL-Kennzahl erfasst Flächen und Objekte, deren Verwendung über die kommenden 18 Monate hinaus noch nicht geklärt ist, beispielsweise, weil der Vertrag ausläuft oder ein neuer Mieter gesucht wird. Unter den deutschen Großstädten ist München damit absolute Spitze. Es bedeutet faktisch: Wird eine Fläche frei, ist sie extrem schnell wieder weg. Das spricht für die große Attraktivität. Doch für den Kunden kommt es beim Angebot langfristig auch auf die Mischung an. Und auf Kauferlebnis, Genuss und Aufenthaltsqualität – denn selbst die Shopping-Metropole München ist nicht immun gegen den wachsenden Online-Handel und muss ihre Stärken konsequent ausspielen.
„Diese Qualität findet man in München immer noch, mittlerweile allerdings öfter in den Nebenstraßen und den Stadtteilen außerhalb innerstädtischer Konsum- und Luxusmeilen“, weiß Heike Goosmann-Lauer. Ihre Empfehlung: Ruhig von den Hauptströmen abweichen und Schwabing, das Lehel und Haidhausen erforschen. Hier seien noch viele Schätze zu finden.
Peter Lausmann
Quintessenz Q1 | 2019
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Foto: Mica Wintermayr
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