ROCKSTARS:
von David Gadze
MORRISSEYDer weise Riese
Manche Künstler sind so gross, dass man sie kaum in Worte fassen kann.
Und die meisten erreichen diese Grösse erst, wenn sie längst unter der
Erde liegen. Doch Steven Patrick Morrissey, dieser schwermütige
Einsiedler ohne Zuhause, ist jetzt schon ein lebendes Denkmal. Und sein
neues Album „Years Of Refusal“ bringt ihn der Unsterblichkeit noch einen
Schritt näher. Obwohl er da gar nicht hin will.
Wahre Grösse kann vieles sein. Vor allem aber ist sie eins: Das Album erschienen war. Bei diesen ersten Schritten auf eigenen Beinen
unnachgiebige Bekenntnis zu sich selbst und zu den eigenen Idealen. stützten ihn – bis auf Marr – alle seine ehemaligen Mitsmiths. So
Keiner hat diese Tugend über Jahre konsequenter gelebt als Steven durchwachsen die folgenden Platten waren, so grandios
Patrick Morrissey. Das machte ihn zum vielleicht bedeutendsten verabschiedete er sich Mitte der 90er mit den schier unfassbar
Künstler unserer Zeit. Aber nicht nur das. majestätischen Alben „Vauxhall And I“, „Southpaw Grammar“ und
„Maladjusted“. Die Rückkehr nach siebenjähriger Pause gelang ihm
Mit The Smiths füllte Morrissey Mitte der 80er Jahre die Lücke, die eindrücklich mit „You Are The Quarry“, dem er 2006 „Ringleader Of
nach dem schleichenden Niedergang von Post Punk klaffte und die – The Tormentors“, sein wahrscheinlich reifstes und komplettestes
abgesehen von The Cure, New Order, Depeche Mode und Siouxie & Werk, folgen liess.
The Banshees – weder von New Wave und New Romantic und ihren
glitzernden Protagonisten, noch von der abgestumpften Rockszene,
die erst gegen Ende des Jahrzehnts ihre Schärfe wieder fand, ge- „How Can Anybody Possibly
schlossen werden konnte. In ihrer kurzen, aber umso produktiveren
Zeit – das Quartett veröffentlichte in etwas mehr als drei Jahren vier
Studioalben und drei Compilations – wurden The Smiths zu einer der Know How I Feel?“
einflussreichsten alternativen Rockgruppen des Jahrzehnts und weit Morrisseys Songs sind elegische Reflexionen über das Leben, Leiden
darüber hinaus. Die Spuren, die sie in der Musiklandschaft hinter- und die Liebe, die er niemals fand und auch nicht suchte, auf die
liessen, dienen auch heute noch unzähligen Bands als Wegweiser. Es Spitze getriebene Pamphlete und bitterböse Anklageschriften voller
war vor allem das Verdienst des kongenialen Duos Morrissey/Johnny Hass, Wut und Verzweiflung. Selbst Oasis-Gitarrist Noel Gallagher,
Marr, die zweifellos das genialste Gespann der englischen Musiks- sonst nicht gerade für lobende Worte gegenüber Berufskollegen
zene seit Lennon/McCartney bildeten. Während Marr, dessen unver- bekannt, meinte: „Was für einen Text du auch immer schreibst, er wird
kennbar sphärisches Gitarrenspiel und insbesondere charakter- ihn übertreffen. Er ist der beste Lyriker, den ich je gelesen habe.“
istischen Soli, die oft fliessend ins Rhythmusspiel übergingen und so
zum Markenzeichen des Smiths'schen Sounds wurden, die Musik In einem kürzlich veröffentlichten Interview mit dem „Spiegel“ gab
schrieb, machte Morrisseys nostalgisch-romantische Lyrik The Smiths der exzentrische Sänger einen – von den autobiografischen
zu Ikonen einer ganzen Generation. So plötzlich die Auflösung kam – Songtexten, die sich wie ein roter Faden durch sein künstlerisches
ausgelöst einerseits durch Unstimmigkeiten zwischen den beiden Schaffen ziehen, mal abgesehen – raren Einblick in sein Inneres, das
Alphatieren, andererseits von der sensationssüchtigen britischen vor allem durch schicksalhafte Erlebnisse in seiner Jugend geprägt
Musikpresse, die noch oft in Fehden mit dem Sänger verwickelt sein wurde. So begrub er im Alter von 17 Jahren, nachdem sein Vater die
sollte, wortwörtlich ins Grab geschrieben –, so hartnäckig hielten sich Familie einen Tag vor Heiligabend verlassen hatte, das Familienideal
in den letzten Jahren die Gerüchte um eine Reunion, die von und die Vorstellung von erfüllter Liebe – und bekräftigte dies später
Morrissey jedoch immer wieder und trotz angeblicher Gagenan- im Song „Will Never Marry“. „Ich habe mich damit abgefunden, ohne
gebote in astronomischer Höhe kategorisch ausgeschlossen wurde. Liebe zu leben. Das klappt besser, als die meisten Menschen sich
„Ich würde eher meine eigenen Hoden essen, als The Smiths wieder vorstellen können“, erzählte er nun dem deutschen
zu beleben – und das will für einen Vegetarier etwas heissen“, sagte Nachrichtenmagazin. Es ist nicht das einzige, worauf er verzichtet. Er
er 2006 dem britischen Musikmagazin „Uncut“. habe überhaupt kein Zuhause mehr, da seine Sachen in Lagerhäusern
rund um die Welt verteilt seien. Und er besitze auch kein Handy, denn
Für Morrissey war es anfangs schwierig, ohne einen kongenialen damit sei man immer leicht zu orten und zu überwachen, was einem
Partner Fuss zu fassen, obwohl seine erste (und sehr gute) Soloplatte Alptraum gleichkomme. „Wenn ich so etwas besässe, würde ich an
„Viva Hate“ nur ein knappes halbes Jahr nach dem letzten Smiths- Verfolgungswahn sterben“, sagte er.
G. G.24 N° 55 N°
MA MA 55 25
Page 1 |
Page 2 |
Page 3 |
Page 4 |
Page 5 |
Page 6 |
Page 7 |
Page 8 |
Page 9 |
Page 10 |
Page 11 |
Page 12 |
Page 13 |
Page 14 |
Page 15 |
Page 16 |
Page 17 |
Page 18 |
Page 19 |
Page 20 |
Page 21 |
Page 22 |
Page 23 |
Page 24 |
Page 25 |
Page 26 |
Page 27 |
Page 28 |
Page 29 |
Page 30 |
Page 31 |
Page 32 |
Page 33 |
Page 34 |
Page 35 |
Page 36 |
Page 37 |
Page 38 |
Page 39 |
Page 40 |
Page 41 |
Page 42 |
Page 43 |
Page 44 |
Page 45 |
Page 46 |
Page 47 |
Page 48 |
Page 49 |
Page 50 |
Page 51 |
Page 52 |
Page 53 |
Page 54 |
Page 55 |
Page 56 |
Page 57 |
Page 58 |
Page 59 |
Page 60 |
Page 61 |
Page 62 |
Page 63 |
Page 64 |
Page 65 |
Page 66 |
Page 67 |
Page 68 |
Page 69 |
Page 70 |
Page 71 |
Page 72 |
Page 73 |
Page 74 |
Page 75 |
Page 76 |
Page 77 |
Page 78 |
Page 79 |
Page 80 |
Page 81 |
Page 82 |
Page 83 |
Page 84 |
Page 85 |
Page 86 |
Page 87 |
Page 88 |
Page 89 |
Page 90 |
Page 91 |
Page 92 |
Page 93 |
Page 94 |
Page 95 |
Page 96 |
Page 97 |
Page 98 |
Page 99 |
Page 100