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Es geht nicht um Imitation, son- dern um Gravitation. Die Musik seiner Kindheit zieht seine Arbeit weiterhin an, auch wenn sich der Kontext verändert.
In Brasilien wartet Rhythmus ni- cht auf die Nacht. Er existiert im Alltag, lange bevor Clubkultur ins Spiel kommt. Für Classmatic ist das grundlegend.
„Brasilianer lieben von Natur aus Feste“, sagt er. „Teilweise liegt es in unserer DNA, teilweise viellei- cht an unserem tropischen Kli- ma.“
Freude und Arbeit sind dabei un- trennbar verbunden. Feiern ist kein Eskapismus, sondern Teil des Überlebens. Diese Bedingungen formten nicht nur sein Gespür für Groove, sondern auch seine Disziplin.
„Wir sind es gewohnt, sehr hart zu arbeiten, um in dem, was wir tun, ein hohes Niveau zu erreichen.“
Diese Lektion war konkret. „Ich habe gesehen, wie meine Familie extrem hart gearbeitet hat, um alles zu erreichen, was sie besit- zt. Dieser starke Arbeitsethos hat mich sehr geprägt.“
Die Energie, die viele mit brasilia- nischer Musik verbinden, ist nicht losgelöst von dieser Anstrengung. Groove ist hier nicht beiläufig. Er ist verdient.
Wenn Classmatic heute im Stu- dio arbeitet, übersetzt sich dieser Instinkt in Prozess. Seine Heran- gehensweise hat sich durch Rei- sen und kulturellen Austausch weiterentwickelt, doch der Aus- gangspunkt bleibt physisch.
„99 Prozent der Zeit beginne ich ein Projekt mit einer Drum-Idee oder einer Vocal-Idee.“
Rhythmus steht am Anfang. Ni- cht als Stilmittel, sondern als Organisationsform von Gefühl. Seine Tracks bewegen Körper, bevor sie sich erklären. Brasilia- nische DNA wird in globale Räu- me getragen, ohne verwässert zu werden. Der Groove erledigt die emotionale Arbeit. Alles Weitere folgt.
Der Moment, in dem ihm bewusst wurde, dass sein Sound Brasilien überschreitet, kam nicht schlei- chend, sondern abrupt. Mit einem Track. Mit Toma Dale.
„Dieser Moment kam dank Toma Dale“, sagt er. „Ich hatte noch nie so viele Nachrichten von Mens- chen erhalten, die einen Track schon vor Release wollten.“
Top-Tech-House-DJs fragten nach Promos. Die Resonanz war international. „Da wusste ich, dass ich aus der Bubble ausge- brochen war.“
Dieser Durchbruch destabilisiert ihn nicht. Er schärft seinen Fokus. Tracks wie El Primer Corazón und Toma Dale erweiterten nicht nur seine Sichtbarkeit, sondern stär- kten sein Selbstvertrauen.
„Zu sehen, wie die größten Na- men der Welt meine Tracks auf großen Partys spielen, war un- glaublich erfüllend. Dieses Gefühl von Mission erfüllt.“
Doch statt Selbstzufriedenheit folgt Konzentration. „Ich wuss- te, das ist mein Moment.“ Sein Ziel: jede Gelegenheit nutzen und konstant ein hohes Niveau lie- fern, sowohl musikalisch als auch performativ.
Diese Bodenhaftung zeigt sich besonders in legendären Clubs wie DC10 oder Club Space Mia- mi.
„Ich habe nie Druck verspürt. Es ist ein Privileg, an solchen Orten zu spielen.“
Statt sich aufzudrängen, hört er zu. „Ich studiere den Club, das Li- ne-up und passe meinen Sound an.“
Respekt bedeutet Aufmerk- samkeit, nicht Ehrfurcht.
Parallel zu seiner eigenen Entwic- klung baut Classmatic mit Orga- nic Pieces eine Plattform auf.
„Organic Pieces ist für mich eine zweite Form künstlerischen Aus- drucks.“
Obwohl viele brasilianische Ar- tists im Katalog vertreten sind, wird das Label zunehmend inter- national.
„Meine einzige Verantwortung ist es, jedes Demo anzuhören, vom ersten Track eines Newcomers bis zum etablierten Künstler.“
Expansion ohne Verlust. Wachs- tum ohne Bruch. Maßstab und Räume ändern sich, der Instinkt bleibt.
Abseits von Studio und Tour-All- tag findet Classmatic Erdung in Routine.
„In meiner idealen Routine ver- bringe ich Zeit mit meiner Ver- lobten und meinen Hunden. Ich gehe fünfmal pro Woche ins Gym, halte meine Diät ein, spiele Counter-Strike mit Freunden und schaue Flamengo-Spiele.“
Diese Momente sind keine Ablenkung. Sie ermöglichen Dauerhaftigkeit.
Mit Blick auf 2026 spricht er ni- cht von radikalem Wandel.
„Ich verfeinere und poliere meinen Sound.“
Viele Releases erscheinen über Organic Pieces.
„Ich strebe einen klareren Stil an, ohne Groove und Rhythmus zu verlieren, aber mit mehr Musikali- tät.“
Evolution bedeutet hier Reduktion. Schärfen statt ausdehnen.
Was ihm am wichtigsten ist? „Nie meine Essenz verlieren.“
Wiedererkennung bedeutet für ihn nicht Größe, sondern Erfahrung.
„Ich möchte für eine einzigartige Erfahrung stehen, sowohl in mei- nen DJ-Sets als auch in meiner Musik.“
Identität wird nicht neu erfunden, wenn der Maßstab wächst. Sie wird geschützt.
Was nach diesem Gespräch bleibt, ist keine Aufstiegsgeschichte. Es ist Gravitation. Kein Bruch, son- dern Anpassung. Der Sound wird größer, die Räume weiter, doch die innere Logik bleibt lokal. Rhyth- mus bleibt körperlich. Erdverbun- den.
In einer Zeit, in der globale Zirku- lation oft Vereinfachung verlangt, weigert sich Classmatic, Dinge glattzuschleifen.
Brasilianische
musikalische Intelligenz ist nicht dekorativ. Sie ist strukturell. Ar- beitsethos steht neben Freude. Disziplin neben Lockerheit. Groove trägt Erinnerung, auch wenn sie niemand benennt.
Es ist keine Geschichte des Ankommens. Es ist eine Geschich- te des Beharrens. Und genau darin liegt ihre Kraft.
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