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Welche Unwahrscheinlichkeit neben Miller in einem schäbigen Holzhaus in Big Sur zu sein, Wand an Wand, dachte er. Er hörte keinen Laut von nebenan. Die Nacht war still und schwarz. Sie hatten sich dann spontan zu dieser Fahrt zum EAK entschlossen.


Es war noch eine weite Fahrt bis zum EAK. Miller war nicht unbedingt ein Typ, mit dem man so einen Trip machen konnte. Miller war asketisch und nervös. Aber er war froh, einen wirklichen Künstler-Theoretiker, man hätte auch sagen können: einen Spezialisten für Beobachtung zweiter Ordnung und ein Stück Heimat bei sich zu haben. Er stand auf, schob den Vorhang zur Seite und blickte hinüber zum River-Inn. Alles lag im Dunkeln, nur die Neonreklame leuchtete noch, auf den Asphalt, die Wagen, die Tankstelle. Wald, Stille. Er legte sich wieder ins Bett.


Das Frühstück im River-Inn in diesem tadello- sen Wildwest-Blockhaus bei strahlendem weis- sen Licht, Handelsreisende, sie alle nehmen ein amerikanisches Frühstück ausnahmsweise, am Nebentisch sitzt dieser langhaarige Cow- boy, sie kommen ins Gespräch, er heißt Jeff, er wohnt in Big Sur und er bietet an, ihnen den Weg zum Leuchtturm zu zeigen und die Bi- bliothek von Henry Miller, sie sagen, dass sie nach San Francisco wollen und er will ebenfalls nach S.F., und sie beschliessen, ihn mitzunehmen, sie reden über sein Leben in Big Sur, sein Vater hat Henry Miller gekannt als alten Mann, und Jeff holt seine Gitarre und einen kleinen Koffer und sie fahren los und unterwegs reden sie über Amerika, über den Hass, der jetzt mit dem Niedergang der Ökonomie entstanden ist, die Schuldzuweisun- gen für das Verschwinden des starken und gu- ten Amerika, und sie reden über Kultur in Amerika. Jeff sagt: „Ich rede jetzt mal nur über Musik. Ich bin Musiker. Es heisst, die Klassik habe in Amerika keine Tradition. Das ist nicht wahr. Wir hören alle klassische Mu- sik: die klassischen Werke der Beatles, die klassischen Songs Springsteens, den Klassi- ker Clapton. Wir verehren die Meisterwerke der Eagles. „Highway To Hell“ ist uns eine unserer heiligen Schriften.“ Jeff lacht. „Na- türlich meinen Europäer etwas anderes wenn sie von klassischer Musik reden. Sie meinen seltsame Klänge. Ohne elektrische Verstär- kung. Sie meinen Violinen, Mezzosopran und so phantastische Dinge wie die Triangel, die ich besonders unerträglich finde. Ich habe immer den Wohlklang eines ordentlich verzerr- ten Wah-Wah-Pedals bevorzugt.“ die ganze


Strecke vorbei an Monterey, Carmel, Santa Cruz, an den Dünen vorbei, Jeff: “Ich habe es einmal im Wiener Konzerthaus mit Schos- takowitsch versucht. Das Orchester des Sankt Petersburger Mariinski Theaters spielte die Siebte und die Zwölfte seiner Symphonien. Das Orchester diese sogenannte „Leningrader Symphonie“ spielen zu sehen, die er während des Zweiten Weltkrieges komponiert hat, war dann, als sähe man einem wirklich bizarren Pilz beim wachsen zu. Erst wuchs die Musik, dann kochte sie, und schließlich schlug sie Blasen. Am Anfang hörte es sich wie wie ein schöner Tag in Leningrad an, am Ende wie im Kugelhagel. Nach einer Weile fühlte ich mich wie ein geprügelter Hund. Mir hatte das Kon- zert wirklich gefallen, aber ich hielt ein- fach keine Crescendos mehr aus. Ich dachte: „Der Typ mit dem Becken soll aufhören !“ Ir- gendwann tat er es und ich ging nach Hause. Aber ich musste erstmal eine Weile Iron But- terfly hören, um schlafen zu können.“ Und nach einer Weile: „ Manchmal ist klassische Musik wie ein One-Night-Stand, weil man sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern kann. Ich dachte: „Ich werde auf keinen Fall nachher eins der Stücke vor mich hinpfeifen.“ Aber das ist in Ordnung. Popmusik pflanzt ei- nem Hooklines ein, Klassik ist eher mit der bildenden Kunst vergleichbar. Ich habe mich an Musik gewöhnt, die wie ein Vorschlagham- mer klingt. Aber es gibt eben auch Musik, die eher geisterhaft ist. Sie quält einen eine Weile , und kommt später zurück, um einem noch ein bisschen auf den Wecker zu gehen. Cool.“.


Dann kommen die ersten Häuser von S.F. und sie fahren ein auf dem Highway mit dem ge- waltigen Blick über die ganze Bay und die Brücke hinüber nach Oakland, und biegen ab zur Fisherman's Warf und man sieht die be- rühmte Brücke, und dann nach Little Italy, und sie parken direkt vor dem „Trieste“. Sie gehen hinein, Jeff kennt die Leute und redet und stellt sie vor, und da ist auch wieder Lauren, der Martial Arts Kämpfer, der Hit- ler bewundert und Deutschland, und der nach Deutschland auswandern will, Heidelberg, wo er einmal gewesen ist.


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