This page contains a Flash digital edition of a book.
ÖSTERREICH JOURNAL


NR. 101 / 04. 11. 2011 »Burgenland Journal« Die Geschichte des Burgenlandes


Anläßlich des Jubiläums »90 Jahre Burgenland« im Jahr 2011 setzen wir mit Teil 8 unsere Serie fort mit der Zwischenkriegszeit.


Von Michael Floiger, Karl Heinz Gober, Oswald Guber, Hugo Huber und Josef Naray*)


Die burgenländische Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit


»Das Aschenbrödel der Republik«


Westungarn war schon zur Zeit der Mon- archie ein wirtschaftlich vernachlässigtes Randgebiet Ungarns. Doch trotz dieser be- sonderen Situation flossen von der jungen Republik Österreich nur bescheidene „Fi- nanzspritzen“ in das Burgenland. Sie ver- sickerten beinahe vollständig, als die Völ- kerbundanleihe von 1922 einen strikten Spar- kurs vorschrieb. Der Burgenländer erkannte: „Früher waren wir das Stiefkind Ungarns, heute ist unser Land das Aschenbrödel der Republik Österreich!“


Die Landwirtschaft dominiert


Ein hoher Anteil des primären Wirt- schaftssektors (Land- und Forstwirtschaft) ist ein Kennzeichen für ein Entwicklungs- land. Im Burgenland lebten bis 1938 fast zwei von drei Bewohnern von der Landwirt- schaft.


Die Bodenreform scheitert


Die extrem ungleiche Verteilung der landwirtschaftlichen Nutzflächen empfan- den die Kleinbauern sowie die rund 25.000 Besitzlosen als sehr ungerecht: Zumindest ein Teil des Bodens sollte doch den Groß- grundbesitzern weggenommen und ihnen, den „Kleinen“, gegeben werden! Allerdings konnten sich die politischen Parteien nicht einigen: Die Frage, ob die Zwangsenteig- nung der Gutsbesitzer mit oder ohne finan- zielle Entschädigung erfolgen sollte, blieb offen.


Von der Gesamtfläche des Burgenlandes


besaßen: ca. 32.200 Großgrundbesitzer . . . . . . . . 9 % Esterhazy (allein) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 % ca. 32.900 Großbauern . . . . . . . . . . . . . . . . 20 % ca. 32.000 Zwergbauern . . . . . . . . . . . . . . 56 %


*) Wir haben – mit freundlicher Genehmigung des Burgenländischen Landesarchivs, des Landesschul- rats für Burgenland und des Verlags Ed. Hölzel Ge- sellschaft m.b.H. Nfg KG, Wien, – Text und Bilder dieser Serie dem Lehrbuch für die Unterstufe „Ge- schichte des Burgenlandes“ entnommen.


In einem mitttelburgenländischen Bauernhof im Jahr 1922


Die Rückständigkeit bleibt erhalten Die meisten Kleinlandwirte waren ver- schuldet (Erbteilungen). Für Investitionen (Maschinen) blieb wenig übrig. Trotzdem verspürte die Landwirtschaft ab der Mitte der 20er Jahre einen leichten Höhenflug: Mit Getreide-, Wein-, Obst- und Gemüseüber- schüssen belieferte das Burgenland sogar an-


dere Bundesländer. Doch die Weltwirt- schaftskrise bescherte ab 1930 dieser Perio- de ein Ende.


Industrie und Verkehrsnetz


Industriebetriebe, die übriggeblieben waren, wagten anfangs wegen der galoppie- renden Inflation kaum zu investieren. Eine Weiterentwicklung der Industrie hätte u.a. vorausgesetzt, neben der Stromver- sorgung auch das Eisenbahnnetz auszubau- en. Die vorhandenen Schienen waren beina- he ausnahmslos in jene Wirtschaftszentren ausgerichtet, die bei Ungarn geblieben sind (Preßburg, Ödenburg, …). Die Bahnstrecke Pinkafeld-Friedberg war die einzige Linie, die 1925 fertiggestellt werden konnte. Die Geldnot der öffentlichen Hand (Bund, Land) ließ einfach nicht mehr zu.


Ein Plakat der Sozialdemokraten fordert die Bodenreforn


Genauso trostlos wie das Schienennetz waren die Zustände der Straßen und Brücken. Die Landesregierung bevorzugte den Aus- bau der Straßen, doch für eine Nord-Süd- Verbindung fehlte auch hier das Geld. Eine Fahrt vom Süden in die Landeshauptstadt blieb weiterhin eine „Weltreise“. Als die Weltwirtschaft zusammenbrach, endete auch der industrielle Aufwind der späteren 20er Jahre. Zählte man 1930 noch 36 Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten, so waren es drei Jahre später nur noch 25. Die Textil- und Nahrungsmittelindustrie des Landes litt besonders schwer an der Rezes- sion (= wirtschaftlicher Rückgang).


Das Gewerbe


Im Jahr 1930 arbeiteten im Burgenland rund 13.000 Gewerbebetriebe. Diese Klein- unternehmen beschäftigten durchschnittlich je zwei bis fünf Personen (ca. 28.000). Diese meist dörflichen Betriebe hatten sich ab 1921 deutlich besser entwickelt als die Industrieunternehmungen. Als sich die Bauern mehr leisten konnten, stiegen auch deren Aufträge an die Gewerbetreibenden. Neben der Nahrungsmittel- und Textiler- zeugung erfuhr besonders das Baugewerbe einen erkennbaren Aufschwung. So zog die rege Bautätigkeit der neuen Landeshaupt- stadt Eisenstadt viele Menschen an. Orte wie


»Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at


55


Page 1  |  Page 2  |  Page 3  |  Page 4  |  Page 5  |  Page 6  |  Page 7  |  Page 8  |  Page 9  |  Page 10  |  Page 11  |  Page 12  |  Page 13  |  Page 14  |  Page 15  |  Page 16  |  Page 17  |  Page 18  |  Page 19  |  Page 20  |  Page 21  |  Page 22  |  Page 23  |  Page 24  |  Page 25  |  Page 26  |  Page 27  |  Page 28  |  Page 29  |  Page 30  |  Page 31  |  Page 32  |  Page 33  |  Page 34  |  Page 35  |  Page 36  |  Page 37  |  Page 38  |  Page 39  |  Page 40  |  Page 41  |  Page 42  |  Page 43  |  Page 44  |  Page 45  |  Page 46  |  Page 47  |  Page 48  |  Page 49  |  Page 50  |  Page 51  |  Page 52  |  Page 53  |  Page 54  |  Page 55  |  Page 56  |  Page 57  |  Page 58  |  Page 59  |  Page 60  |  Page 61  |  Page 62  |  Page 63  |  Page 64  |  Page 65  |  Page 66  |  Page 67  |  Page 68  |  Page 69  |  Page 70  |  Page 71  |  Page 72  |  Page 73  |  Page 74  |  Page 75  |  Page 76  |  Page 77  |  Page 78  |  Page 79  |  Page 80  |  Page 81  |  Page 82  |  Page 83  |  Page 84  |  Page 85  |  Page 86  |  Page 87  |  Page 88  |  Page 89  |  Page 90  |  Page 91  |  Page 92  |  Page 93  |  Page 94  |  Page 95  |  Page 96  |  Page 97  |  Page 98  |  Page 99  |  Page 100  |  Page 101  |  Page 102  |  Page 103  |  Page 104  |  Page 105  |  Page 106  |  Page 107  |  Page 108  |  Page 109  |  Page 110  |  Page 111  |  Page 112  |  Page 113  |  Page 114  |  Page 115  |  Page 116  |  Page 117  |  Page 118  |  Page 119  |  Page 120